Eine Jahrhundert-Frau

Dieser Tage hätte sie ihren 100. Geburtstag gefeiert: Meine Großmutter Luise Amalie Leister, geborene Sültmann, Jahrgang 1914. Für mich war sie eine bemerkenswerte Frau.Sie war durch und durch preußisch im besten Sinne. Diszipliniert, streng gegen sich selbst und auch mit ihren Familienangehörigen, niemals hörte man sie klagen. Sie hat zwei Weltkriege, Inflation, Evakuierung und Hungerzeiten durchlebt, hat ihre ursprüngliche Heimat an der Elbe verlassen, um im Rheinland ihr Auskommen zu finden, geheiratet, drei Kinder aufgezogen und ihre Krankheit Morbus Paget mehr als 30 Jahre trotz vieler Einschränkungen und Behinderungen mit Tapferkeit ertragen. Mehr als fünfzig Jahre hat sie meinem Großvater treu zur Seite gestanden. Sie war religiös, politisch eher links, liebte Literatur und den Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die sie bis zu ihrem Tode las.

Meine Großmutter mit mir als Baby

Meine Großmutter mit mir als Baby

So streng sie auch war, so liebevoll und eng wurde mit der Zeit das Verhältnis zwischen ihr und mir, ihrer Enkeltochter. Weil meine Mutter berufstätig war und oftmals keine regelmäßigen Betreuungsangebote zur Verfügung standen, habe ich als Kind viel Zeit bei meiner „Oma Mutti“ verbracht. Sie hatte eine Engelsgeduld mit mir. Während sie kochte und herumwerkelte und dabei vor sich hin summte, spielte ich in der großen Wohnküche Phantasiespiele. Ich klebte den Essstühlen Zügel, Steigbügel aus Pakethaltern und Papierschweife an und verwandelte sie in Pferde, auf denen ich um meine Großmutter herumritt. Ich war Regisseur und Drehbuchautor zugleich und gab meiner Großmutter immer exakt vor, was sie in unseren Rollenspielen sagen musste.

Meine Großmutter und ich als Krabbelkind Sommer 1965

Meine Großmutter und ich 1965

Als ich größer war, wurde es unser lieb gewordenes Ritual, dass ich Punkt halb vier durch den Garten ging und mit ihr in ihrer Wohnküche eine Kanne Darjeeling-Tee trank, während ich ihr alles erzählte, was mich in der Schulzeit, im Studium oder im Job bewegte. Meine Großmutter hörte immer interessiert zu und nahm an allem Anteil. Am Wochenende gingen wir oft in unsere Kellersauna, wobei sie stets auf der obersten Stufe lag und die größte Hitze mit stoischer Gelassenheit ertrug. Sie war einfach cool. Ich werde auch nie den Nachmittag vergessen, als mein Vater plötzlich zu ihr sagte: „Jetzt fährst Du mal Auto!“. Sie hatte nie einen Führerschein gemacht, setzte sich aber mutig ans Steuer und jagte mit unserem Jeep in Kreisen über ein Stoppelfeld.

Omas Wohnküche 1989, regelmäßiger Dämmerschoppentreff

Omas Wohnküche, regelmäßiger Dämmerschoppentreff

Ihre Wohnküche war der Mittelpunkt unserer Familie. Jeden Abend gegen 18 Uhr trafen wir uns dort zum Schwätzchen, wobei auch ein Schnäpschen nicht fehlen durfte. Wenn ich mir die alten Fotos anschaue, dann war die Küche nicht wirklich schön, aber für mich der Inbegriff von Heimat.

do-89-Oma mit Enkeln

Meine Großmutter an ihrem 75. Geburtstag 1989 im Kreise ihrer Enkel

Auch als ich 1990 400 km weit wegzog, riss unser Faden nicht ab. Sehr geschmerzt hat es mich, dass sie an meiner Hochzeit 1998 und der Taufe ihrer Urenkeltochter 1999 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr teilnehmen konnte. Im Jahr 2000 ist sie im Kreis ihrer Familie friedlich gestorben – auch ich bin rechtzeitig gekommen, um ihr noch einmal die Hand halten zu können. Mit großer Liebe und Dankbarkeit erinnere ich mich an einen Mensch, der mein Leben sehr, sehr, sehr bereichert hat.

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