Erstaunliche Gnade

Das Gospel-Musical „Amazing Grace“ von Tore W. Aas und Andreas Malessa hat in diesem Herbst Welturaufführung beim Gospelkirchentag in Kassel. Danach gibt es drei weitere Aufführungen – in Ludwigsburg, Minden und Karlsruhe. Ich werde in Ludwigsburg dabei sein – und zwar nicht als Zuschauer, sondern als Sängerin.

Motiv von Amazing Grace

Motiv von Amazing Grace

Vor einigen Wochen flatterte mir ein Flyer der Creativen Kirche ins Haus. Zum ersten Mal erfuhr ich  Näheres über das Gospel-Musical, in dem es um das Leben von John Newton geht. Er komponierte „Amazing Grace“, das zu den bekanntesten Gospels weltweit gehört. Die Hauptrollen des Musicals sind mit erstklassigen Musicalprofis besetzt. Auch der Laki-Popchor, den ich im Winter bei einem Konzert in Ludwigsburg bewundert habe, wird bei dem Musical mitwirken. Als ich dann noch las, dass Hans-Martin Sauter das Dirigat übernimmt, war ich vollends überzeugt. Ich kenne ihn von einigen Gospelwochenenden in Löwenstein und habe vor zwei Jahren eine Chorleiter-Fortbildung bei ihm gemacht. Er ist ein genialer Musiker und nebenbei auch ein wunderbarer Entertainer, einfach ein klasse Typ.

Neben Solisten und Laki-Popchor wird es einen sogenannten „Mass Choir“ mit bis zu 800 Sängerinnen und Sängern geben. Einer davon bin ich. Ich habe mich im Juni angemeldet und meine Teilnehmergebühr von 30 Euro entrichtet. Außerdem bestellte ich mir die Noten von „Amazing Grace“ und war einigermaßen erschüttert, als mir ein Notenmanuskript von rund 200 Seiten ins Haus flatterte. Zum ersten Mal bekam ich Zweifel, ob ich es schaffe, mir die Songs weitgehend selbstständig zu erarbeiten. Denn es gibt insgesamt nur drei Proben vor dem großen Auftritt am 9. November in der Ludwigsburger MHP-Arena.

6. Juli 2014

Heute ist die erste Probe in Ludwigsburg. Bei schwül-warmem Wetter und mit offenem Verdeck fahre ich nach der Kirche los. So 75 Minuten muss man schon für die Fahrt einkalkulieren. Kurz vor 13 Uhr erreiche ich die Friedenskirche. Im riesigen Innenraum summt und brummt es vor Menschen. Etwa 650 Sängerinnen und Sänger haben sich eingefunden mit ihren dicken Notenmanuskripten. Alles drängt sich rund um den Empfangstresen, an dem man seinen Teilnehmerausweis findet. Mit großen Schildern „Sopran“, „Alt“, „Tenor“ und „Bass“ ist die riesige Kirche in Sitzzonen eingeteilt – und ich suche mir ein Plätzchen im Alt.

Probe des Mass Choir in der Ludwigsburger Friedenskirche

Probe des Mass Choir in der Ludwigsburger Friedenskirche

Nach einigen einleitenden Begrüßungsworten kommt dann Hans-Martin auf die Bühne – es ist schön, ihn mal wieder in Aktion zu erleben. Die ersten Minuten sind für mich Gänsehaut pur. Schon bei den banalen Einsing-Übungen zeigt die Friedenskirche  ihre Akustik. Wir starten mit dem für den Mass Choir zentralen Gospel-Medley, eine Reihe bekannter Gospelmelodien. (Hörprobe gefällig? Hier gehts zum Youtube-Video) Da ich die Noten erst vor einigen Tagen bekommen habe und mich noch nicht groß damit habe beschäftigen können, versuche ich, so gut es geht vom Blatt zu singen. Wie immer bei Hans-Martin ist das Tempo zackig und der Zeitplan ambitioniert. Und die Zeit verfliegt im Nu. Zwei kleine Pausen unterbrechen die sechs Stunden Probe. Zum Glück habe ich eine große Flasche Wasser dabei. Die Mitsänger packen die Vesperdosen aus. Kurz vor 19 Uhr ist das Wunder vollbracht: Wir haben das ganze Notenmanuskript durchgearbeitet und die uns betreffenden Stellen zumindest kurz angesungen. Die schwungvollen Gospelmelodien klingen noch in mir nach, als ich mich auf den Heimweg mache. Ich rechne kurz zusammen: An diesem Wochenende habe ich an die zehn Stunden Gospels gesungen. Ich glaube, damit habe ich einen persönlichen Rekord aufgestellt. Todmüde, aber sehr zufrieden komme ich nach Hause.

5. August 2014

Etwa ein Monat ist seit dem Auftakt in Ludwigsburg vergangen. Ich habe erkannt, dass ich viel üben muss und habe mir zur Unterstützung eine Übungs-CD von „Amazing Grace“ bestellt. Zunächst bekam ich eine CD zugeschickt, auf der die Altstimme lediglich mit einem Klavier angedeutet wird. Nun habe ich seit gestern endlich die Altstimme in gesungener Form vorliegen. Das ist nochmal viel besser! Aber beim gemütlichen Sing-along im Alt darf man  nicht vergessen, dass man später noch gegen drei andere Stimmen und die Solisten „ansingen“ muss. Am Wochenende habe ich mich zum zweiten Mal mit einem Tenor zum gemeinsamen Singen getroffen. Alt und Tenor sind nun Stimmlagen, die oft gar nicht harmonisch zu einander passen. Septim-Akkorde und was weiß ich mussten wir aushalten. Aber inzwischen bin ich viel optimistischer, dass ich am 9. November gut vorbereitet in die Aufführung gehen werde.

Chorprobe mal anders - nämlich einsam statt gemeinsam

Chorprobe mal anders – nämlich einsam statt gemeinsam

Apropos: Ich habe auch schon Karten für meine drei Schlachtenbummler bestellt. Sie hängen schon an meiner Pinnwand und verbreiten Vorfreude.

11. Oktober 2015

Heute ist Einzelsängerprobe – also eine extra-Probe für Sänger, die Amazing Grace nicht im eigenen Chor erarbeiten sondern sich als Einzelpersonen angemeldet haben. Ich habe in letzter Zeit fleißig geübt mit meinen CDs und merke, dass ich diesmal recht gut zurechtkomme. Heute sind wir nicht so viele wie bei der ersten Probe – trotzdem ist der Klang in der Friedenskirche beeindruckend. Wenn einige hundert Sänger fortissimo singen, dann wehen den Zuhörern aber garantiert die Haare! Hans Martin Sauter erzählt uns ein bisschen von der Handlung, die wir anhand des Notenskripts nicht wirklich nachvollziehen können. Es muss einige sehr gefühlvolle Spielszenen geben. Ich bin schon soooo gespannt. Sehr zufrieden fahre ich abends zurück – durchaus optimistisch, dass das ein tolles Erlebnis für uns Sänger und auch für die Zuschauer wird.

2. November 2014

So langsam wird es ernst. Heute treffen wir uns zur Hauptprobe. Ich bin extra zeitig nach Ludwigsburg aufgebrochen, um in aller Ruhe einen Parkplatz zu finden und einen guten Platz in der Friedenskirche zu ergattern. Heute ist die Kirche mit annähernd 700 Sängern gut gefüllt, manche kommen sogar aus München und Ulm. Immerhin kann ich mir einen Platz in der vierten Reihe sichern. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Hans Martin Sauter uns bei der Stange hält. Mit Scherzen und launigen Kommentaren bringt er uns dazu, dass wir konzentriert und engagiert an die fünf Stunden singen. Und das Musical wird guuuuuuut. Diesmal kommt nach der Pause auch der LAKI-Popchor hinzu. Das sind ja Halbprofis mit höchsten musikalischen Weihen – und doch meine ich, auf ihren Gesichern ein gewisses anerkennendes Staunen zu sehen, als wir 700 Sänger loslegen und die Friedenskirche zum Klingen und Dröhnen bringen. Auch einen anwesenden Journalisten konnten wir beeindrucken, wie dieser Artikel zeigt.

9. November 2014 – Tag der Aufführung

Eigentlich hätte ich mit dem Zug nach Ludwigsburg fahren wollen, aber der Streik der Lokführer macht mir einen Strich durch die Rechnung. Nehme ich also das Auto – das hat den Vorteil, dass ich auf dem Weg zur mhp-Arena Ludwigsburg nochmal  meine Übungs-CDs laut mitsingen kann. Ich bin bereit! Um kurz nach 12 öffnet das riesige Gebäude seine Pforte für den riesigen Pulk schwarz gekleideter Sänger, der sich schon davor versammelt hat. 10422567_790940080963268_6371641947557353117_n

Breitschultrige Security-Männer kontrollieren unsere Taschen. Flaschen aus Glas und mit mehr als 0,5 l Inhalt sind nämlich verboten, hat man uns schon vorher gesagt. Kurze Zeit später sitzen wir Sänger auf der Tribüne hinter der breiten Bühne und werden noch ein bisschen sortiert und zusammengerückt. Ich schaue mich in der riesigen Halle um. Ist sie tatsächlich ausverkauft, werden wir 4000 Zuhörer haben? Eine gigantische Vorstellung.10425062_791025904288019_7705167880760216087_n

Die Generalprobe läuft ziemlich problemlos und zügig. Nur ganz selten wird der Ablauf unterbrochen. Endlich sehen wir auch die Solisten, die teilweise halb verkleidet, teilweise noch in Räuberzivil auf die Bühne kommen. Die Stimmen und auch die Routiniertheit verraten: Es sind absolute Profis. Nach der Generalprobe haben wir noch eine längere Pause. Ich freue mich, dass Vater, Tochter und vier Freunde den Weg von Schwäbisch Hall nach Ludwigsburg auf sich genommen haben, um das Spektakel zu sehen. Und es ist wirklich spektakulär: Als Dirigent Hans-Martin Sauter dem Chor das Zeichen gibt, sich zu erheben und 700 Menschen auf einmal aufstehen, geht ein Raunen, ein lautes „Boah“ durch die tatsächlich vollbesetzte Arena. Die Zuschauer sind sichtlich mitgerissen von der Lebensgeschichte von John Newton und der Entstehungsgeschichte des Gospels. Standing Ovations zum Schluss und nochmal als Zugabe das mitreißende Gospel-Medley. Wie unter Strom fahre ich nach Hause, einerseits traurig, dass das Projekt schon wieder vorbei ist, andererseits glücklich und stark berührt von der „erstaunlichen Gnade“, Teil eines so wunderbaren Ganzen gewesen zu sein.

Andere Meinungen: Stuttgarter ZeitungLudwigsburger Kreiszeitung Mittwaldserver

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