Prächtiges Prag

Den ersten Teil unserer Pfingstferien werden wir im Goldenen Prag verbringen.

Tag 1: Heute morgen haben wir unseren Koffer ins Auto gepackt und sind losgefahren. Dank der Klimaanlage im Auto kann uns die Hitze nichts anhaben, und das Navi lotst uns gleich um zwei dicke Staus bei Ilshofen herum. Danach läuft es wie geschmiert, und um die Mittagszeit erreichen wir Prag. Ohne Umwege finden wir dann auch unser Quartier, das sehr zentral in der Altstadt liegt. Natürlich ist das Parken in Prag nicht einfach – aber wir finden tatsächlich einen Parkplatz in einer Seitenstraße. Unser Apartment versteckt sich zunächst etwas unscheinbar in einem geschmackvollen Jugendstilhaus, bis wir rausbekommen, dass wir in der darunter liegenden Cocktailbar einchecken müssen. Wir bekommen unseren Schlüssel und eine Bedienung bringt uns mit dem Aufzug und unserem Gepäck in den zweiten Stock. Das Apartment begeistert uns total: Es ist geräumig, mit hohen Decken, und ist recht geschmackvoll eingerichtet. Neben dem Schlafzimmer mit Doppelbett und Schrank hat es eine Wohnküche mit Sofa, auf dem noch eine dritte Person schlafen könnte, im Flur wäre noch Platz für ein Kind im Gitterbett – und ein großes Bad ist auch da. Die Fenster gehen auf einen schattigen (nicht hübschen) Hinterhof – und es gibt sogar einen kleinen Balkon, auf dem man aber nur stehen und ggf. rauchen kann. Aber das Beste: In der Gluthitze der Stadt (35 Grad auch hier in Prag) ist es in der Wohnung angenehm kühl.

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Nachdem wir unser Gepäck verstaut haben, beschließen wir ein bisschen die Umgebung zu erkunden. Zunächst einmal steuern wir die nächste Kneipe an, denn wir brauchen dringen einen kühlen Drink. Dann schlendern wir Richtung Moldau. Dort sehen wir die Ausflugsdampfer liegen und entscheiden uns ganz spontan zu einer Flussfahrt. Wir hoffen auf ein bisschen Abkühlung durch den Fahrtwind. Von der Moldau aus hat man natürlich einen wunderschönen Blick auf die Stadt mit ihren wunderschönen klassizistischen und Jugendstil-Fassaden, ihren Türmen, Kirchen und Brücken. Schade fand ich, dass es keine Erklärungen gab, das hatte mir in Berlin auf der Spree ganz gut gefallen.

 

Hier einige Moldau-Impressionen:

Nach zwei Stunden und zweimal  Schleusen legt der Dampfer wieder an. Wir sind von der Hitze richtig gerädert und machen erstmal einen kleinen Dusch-Zwischenstopp in unserem Apartment.

Unser Abendspaziergang führt uns zum ganz nahe gelegenen Altstädter Ring, einem wunderschönen Marktplatz. In der Nähe finden wir ein Restaurant, in dem wir ein tschechische Spezialität, nämlich Gulaschsuppe im Brot, probieren. Danach bummeln wir durch enge Altstadtgässchen bis zum Wenzelsplatz.

 

Abends sind wir platt wie die Flundern und freuen uns auf unser kühles Quartier.

Tag 2: Irgendwie war mir heute Nacht beim Gedanken an mein Auto nicht wohl. Schöne, sichere, videoüberwachte Parkhäuser sucht man hier vergebens, und das mit dem Parken in der Seitenstraße war mir nicht so geheuer. Noch vor dem Frühstück will ich nach meinem Auto schauen – und es ist weg. Verschwunden, gone with the wind.

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Abgeschleppt oder geklaut – das sind jetzt die zwei Alternativen. Netterweise hilft uns der Manager der Cocktailbar im Erdgeschoss weiter. Er recherchiert für uns, dass das Auto tatsächlich abgeschleppt wurde. Mit dem Taxi schickt er uns zu einem Parkplatz, wo wir es auslösen können. Insgesamt kostet uns die Erkenntnis, dass man nach Prag besser nicht mit dem Auto reist,  rund 100 Euro und ein paar graue Haare.

Prag ist immer noch heiß wie ein Backofen. Selbst kurze Wege werden beschwerlich. Nach einem schweißtreibenden Spaziergang und einem kleinen Mittagsimbiss bringe ich meine Tochter zurück ins Apartment. Ich beschließe, mich allein auf die Spuren der Jüdischen Kultur Prags zu begeben. Das Josefsviertel liegt nicht weit von unserem Quartier entfernt. Hier sind  Synagogen aus verschiedenen Epochen erhalten – und ein beeindruckender jüdischer Friedhof. Ich besuche die Pinkas-Synagoge, die Klausen-Synagoge, die Altneu-Synagoge und die Spanische Synagoge, die direkt gegenüber unseres Apartments liegt. Ausstellungen dokumentieren das Leben und die Brauchtümer der jüdischen Gemeinden – und ihren Untergang durch die deutschen Nazis. Eindrücklich und schrecklich.

 

Abends kühlt es endlich etwas ab. Eine Wohltat. Nun macht das Flanieren durch die Prager Gässchen wieder Spaß. Das tschechische Essen ist sehr deftig: Heute probiere ich es mal mit Knödeln, meine Tochter schwelgt in einem perfekt gegrillten Steak.

Danach bummeln wir runter zur Karlsbrücke und erleben dort einen perfekten Sonnenuntergang und ein tatsächlich goldenes Prag.

Tag 3, gebloggt von Leonie. Ich wache auf, als meine Mutter die Türe aufschließt. Sie kommt von außen ins Apartment und den ersten Satz, den ich an diesem Morgen vernehme, lautet: „War grad bei der Parkuhr. Steh mal auf!“ Wir gehen in die kleine Cocktailbar, die unter unserer kleinen Wohnung liegt. Dort sitzt schon eine andere Familie. Die Tochter sitzt, wenn sie nicht etwas isst, die ganze Zeit mit halbgeöffnetem Mund da und starrt auf ihr Handy, die Mutter tut es ihr gleich, der Vater der Familie weiß sich nicht zu helfen. Mama und ich lästern ein bisschen (was ich so schön finde in anderen Ländern; weil die meisten Leute einen nicht verstehen, ist es egal, wenn man in ihrer Gegenwart über sie redet). Nach dem ausgiebigen Frühstück brechen wir auf.

Das ist unser morgendliches Frühstück. Lecker!

Das ist unser morgendliches Frühstück. Was Leonie da auf dem Teller hat, notiert die Bedienung als „HEMENEX“ auf unserem Frühstücks-Voucher 🙂

Wir laufen wieder über die Karlsbrücke, hoch zum Hdradschin, dem Sitz des Staatspräsidenten. Das erste, was wir machen, als wir ankommen, ist uns in eine kleine Kneipe zu setzen und ein Radler zu trinken. Um 11 Uhr morgens. Mama ist zu Höchstleistungen bereit, ich aber eher nicht so. Deshalb bremse ich sie etwas, als sie vorhat, uns Tickets zukaufen, damit wir in die Sehenswürdigkeiten gehen können, wie zum Beispiel die St. Veits-Kathedrale, die Basilika St. Georg oder ins Goldene Gässchen. Ich bin der Meinung, diese Altbauten sehen doch von außen auch ganz schön aus. Für diese kurze Zeit würde es sich gar nicht lohnen, Tickets zu kaufen, denn um halb drei hat Mama schon wieder (wie wir es liebevoll nennen) ein Date mit der Parkuhr. Das Geld für die Tickets könnten wir ja da rein investieren, bin ich der Meinung.

 

Ich würde an diesem Nachmittag unheimlich gerne einkaufen gehen, was ich Mama auch ankündige, aber mein Wunsch geht in ihrem Tatendrang unter. Stattdessen machen wir und auf den Weg zum Pulverturm. Dadurch, dass Mama meinen Vorschlag vom shoppen gehen freundlich ignoriert, sinkt meine gute Laune Richtung 0. Außerdem ist es mir, trotz 8°C Temperaturunterschied zu gestern, immer noch zu warm. Ich bin eine echte Meckertante und das tut mir im Herzen weh. Wir laufen weiter, zur Jerusalem-Synagoge. Da ich heute das erste Mal in einer echten Synagoge bin, begeistert sie  mich sehr! Sie ist sehr prächtig und mit vielen bunten Farben verziert.

 



Schließlich schlägt Mama mir vor, jetzt doch noch einkaufen zu gehen, meine Laune bessert sich schlagartig. Also schlendern wir über die Einkaufsstraße. Mein Problem ist wohl, dass ich einen eingebauten Schuh- und Klamottenladen-Magnet in mir trage. So zieht es mich in gefühlt jeden zweiten Laden. Ich ergattere ein Maxikleid und einen Maxirock.

Abends gehen wir zu einem kleinen Italiener auf dem Altstädter Ring. Wir trinken unser zweites Radler und genießen die Live-Musik, die aus der Ferne zu uns vordringt. Danach bummeln wir ein bisschen durch die alten Gassen Prags. Wir lassen uns nieder in einer Jazzbar, in der gute Livemusik gespielt wird. Ein schöner Ausklang des dritten Tages.

 

Tag 4: Meine Tochter (15) möchte gerne ins Kafka-Museum. Pubertanden schaffen es doch immer wieder, einen zu überraschen. Nach dem Frühstück brechen wir wieder auf – die Hinweise auf das Museum haben wir schon am ersten Tag vom Boot aus gesehen, daher wissen wir, dass wir über die Karlsbrücke laufen und uns dann nach rechts wenden müssen.

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Die Ausstellung gefällt uns sehr gut – wir erfahren viel über die Herkunft Kafkas, der quasi in unserer Nachbarschaft gewohnt hat, die Kindheit des sensiblen Jungen, die Schulzeit, den ungeliebten Job als Versicherungs-Jurist, sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, die ambivalenten Beziehungen zu Frauen. Ein sensibler und künstlerisch begabter Mensch, der so gar nicht mit sich, mit seiner Familie, seiner Stadt, seiner Religion zurechtkam und schon mit Anfang 40 in einem Lungensanatorium an Tuberkulose starb.  Mein Kind ist total fasziniert und quält mich so lange, bis ich ihr Kafkas Buch „Der Prozess“ finanziere.

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Danach bummeln wir über die Halbinsel Kampa, die von einem Mühlenkanal vom Ufer abgetrennt ist. Hier ist ein kleiner Park, in dem wir Schautafeln finden, die an Nicholas Winton und die von ihm im 2. Weltkrieg vor dem Nazi-Holocaust geretteten Prager Kinder jüdischer Herkunft erinnern. Das ist eine Dokumentation, die mich sehr bewegt. Den Nachmittag verbringen wir mit Bummeln und Herumgucken. Apropos: Wenn man in die Prager Andenkenläden schaut, bluten einem die Augen vor lauter Kitsch. Glas ist ja an sich ein netter, nützlicher  Rohstoff. Zu was er aber verschandelt werden kann, dass soll folgende Dokumentation beispielhaft zeigen:

To be continued …

Tag 5: Gerne wäre ich heute nochmal mit Leonie in die Jüdischen Synagogen gegangen, leider haben die aber alle wegen Sabbath geschlossen.  Statt dessen besuchen wir auf Empfehlung unseres Freundes Bernd das Museum für Spezialeffekte, das dem tschechischen Filmemacher Karel Zeman gewidmet ist. Hier wird dokumentiert, wie in der Nachkriegszeit die ersten Trickfilme und Spezial Effekts entstanden – ganz ohne Blue Screen und Computer. Eine sehr nette Ausstellung.

 

Danach beschließen wir im österreichischen Restaurant nebenan ein Radler zu trinken. Beim Lesen der Speisekarte unterläuft mir der Verleser des Tages, der bei uns noch Stunden später für Heiterkeit sorgt: Ich lese Petersilerdäpfel als Petersiler-Däpfel statt Petersil-Erdäpfel. Da wiehern aber die Blumento-Pferde!!!

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Ach ja, und auf dem Altstädter Markt war heute die Hölle los: eine rosa Hölle. 


Tag 6: Der Tag unserer Abreise ist gekommen. Nach einem letzten herzhaften Frühstück in der Aloha-Bar verstauen wir unser Gepäck im Auto und starten Richtung Deutschland. Da das Navi anfangs ein bisschen spinnt, drehen wir einige chaotische Runden durch die Prager Altstadt, und es kostet mich schon einige Nerven, bis wir aus Prag raus sind. Wir haben gerade noch genug tschechische Kronen in Bar, um den Tank nochmal dreiviertel voll zu machen. Ausgerechnet jetzt mahnt mich mein Auto: „Motorölstand überprüfen“. Na toll! Ich beschließe, trotzdem erstmal bis zur Grenze zu fahren. Kurz vor der Grenze gibt mir ein dickes Auto mit Berliner Kennzeichen von hinten Lichthupe, Blinker rechts, Warnblinker, Lichthupe. Ich denke schon, dass sich unser Auto hinten in Brand gesetzt hat und halte völlig verdattert an. Will der Typ und um Geld anhauen (seine Eurocard wäre abhanden gekommen) und bietet uns seine Uhr als Sicherheit an. Was ist denn bitte das für eine merkwürdige Nummer? Wir sagen, wir hätten kein Bargeld dabei, und fahren weiter. Im Nachhinein war es echt unvorsichtig, dass wir angehalten haben, der hätte uns ja auch überfallen und ausrauben und was nicht alles können. Hinter Grenze halte ich dann an und gebe dem armen Auto endlich ein bisschen Öl (nachdem mir ein junger Mann beim Motorhauben öffnen helfen und mir erklären musste, woran man sieht, welches Öl das Auto braucht). So bringt es uns schließlich wieder zurück nach Michelbach.

Insgesamt hat die Reise mit dem Auto mich also nun gekostet: Zwei Tankfüllungen, eine Vignette für 12 Euro, eine zweite Warnweste (in Tschechien braucht jeder Mitfahrer auch eine) für 7,99, Abschleppkosten 90 Euro, 6 Euro Taxikosten, zwischen 30 und 40 Euro Münzen für die Parkuhr, ein Liter Motoröl für 25 Euro und jede Menge Nerven – tja, ich denke mal, beim nächsten Mal fliege ich lieber. Aber Prag ist auf alle Fälle eine weitere Reise wert!




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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Reisegeschichten

Eine Antwort zu “Prächtiges Prag

  1. Bitte mehr davon 😉 … vor allem der Perspektivwechsel. Sehr charmant. Und liebe Dorothee, Du stolze Mum: Dem Kind einen Kafka zu finanzieren sollte Dir eine ganz ganz tiefe Ehre sein!

    LG
    Beate

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