Als Landei in der Bundeshauptstadt

Den fünfzigsten Geburtstag meines Vetters haben meine Tochter und ich zum willkommenen Anlass genommen, einen viertägigen Ausflug in die Bundeshauptstadt zu unternehmen.

Tag 1: Wir haben am Vortag unser Zeug gepackt: Erstaunlich viel für drei, vier Tage. Aber wir müssen ja auch für alle Eventualitäten und Wetterlagen gerüstet sein. Nachdem wir im Kofferraum-Tetris auf das nächsthöhere Level aufgestiegen sind, können wir so gegen 7.30 Uhr das Navi anschmeißen und uns auf die Straße begeben. Die Fahrt verläuft relativ ereignislos, größere Baustellen und Staus bleiben uns erspart. Allerdings strengen der ständige Sprühregen und die quietschenden Scheibenwischer Augen und Nerven an. Wir lassen uns daher Zeit, machen mehrere Pausen und sind erst nach Mittag in Berlin. Das Navi lotst uns ohne Probleme zu unserem Hotel. Das Main Station Hotel und Hostel Berlin ist sicher kein gastronomisches Juwel.

Das Zimmer ist klein und zweckmäßig eingerichtet, es punkten auf jeden Fall der Preis und die Parkplätze auf dem Innenhof. Enttäuschend war ein bisschen die Lage, denn ich wähnte das Hotel – entsprechend seinem Namen – unmittelbar am Hauptbahnhof – und der ist tatsächlich in einer halben Stunde Fußmarsch zu erreichen. Ja,  Landeiern fällt es eben bisweilen schwer, die Dimensionen einer Hauptstadt zu beurteilen.

Nach einer kleinen Rast im Hotelzimmer machen wir uns zu unserem ersten Ausflug auf: Wir wandern Richtung Hauptbahnhof – dabei feststellend, dass Moabit eher keiner der hippen Stadtteile ist: wir kommen an tristen und gammeligen Hochhäusern aus den 50ern, eingekäfigten Schulen, merkwürdigen Gassigehern unbestimmten Geschlechts  und schließlich dem berüchtigten Knast, der JVA Moabit, vorbei. Unterwegs machen wir Halt in  einem etwas obskuren Restaurant: Don Giovanni kann sich nämlich nicht entscheiden, ob er lieber Argentinier oder Italiener sein möchte, überdies eine riesige Karte und winzige Preise – wir sind ein bisschen misstrauisch, aber unser bohrender Hunger siegt. Don Giovanni punktet mit einem üppigen gemischten Salat, der für zwei reicht, dann bringt er mir etwas ölige und undefinierbare Spaghetti mit Meeresfrüchten und meiner Tochter ein Schnitzel Wiener Art mit Pommes, da s sie in Windeseile verdrückt. Nun weiter im Programm. Wir schlagen uns zum Hauptbahnhof durch, wo wir ein 48-Stunden-Verkehrsticket für uns erwerben. Das wird uns die nächsten zwei Tage uneingeschränkte Mobilität  in Berlin mit Bus und Bahn verschaffen. Zu Fuß geht es weiter Richtung Stadtmitte. Wir schlendern die Friedrichstraße entlang – und meine Tochter entdeckt gleich eine Menge angesagter Klamottenläden,  die sie in den nächsten Tagen noch UNBEDINGT besuchen muss. Unter den Linden ist eine riesige Baustelle, hinter der wir in der Ferne das Brandenburger Tor erahnen können. Das werden wir uns morgen noch aus der Nähe anschauen. Denn jetzt ist erstmal Kultur angesagt: Wir haben nämlich Karten für „Die Hochzeit des Figaro“ in der Komischen Oper Berlin. Die Karten hatte ich schon im Vorfeld im Internet bestellt.

Hinter einer eher schmucklosen Fassade in einer Seitenstraße zur Friedrichstraße finden wir eine kleine Überraschung: Die komische Oper ist innen ein richtiger Augenschmaus im Barockstil. Wir sitzen in der sechsten Reihe mit perfektem Blick auf das Geschehen und genießen dreieinhalb Stunden Oper. Es ist eine humorvolle Inszenierung mit wunderschönen Stimmen, witzigen Überraschungen und turbulenten Wendungen – noch auf dem Heimweg sind wir ganz erfüllt und beschwingt – aber letztlich auch todmüde. Im Hotel angekommen fallen wir in die Betten und sind eingeschlafen, ehe der Kopf ins Kissen sinkt.

Tag 2: „Ich will aber ausschlafen“, hat meine Tochter am Vorabend noch genölt – ha, das kann sie aber knicken. Naja, ich gebe ihr Zeit bis halb neun, dann muss sie raus aus den Hotelbettfedern. Wir fahren zum Hauptbahnhof und schlagen von dort den Weg am Reichstag und am Bundeskanzleramt vorbei zum Brandenburger Tor. Dort nehmen wir ein von Spatzen und Touristen umhummeltes Frühstück im Starbucks zu uns. Dann bummeln wir „Unter den Linden“ entlang über die Friedrichsstraße bis zum Checkpoint Charlie.  Das Mauermuseum ist leider unglaublich voll – überhaupt hat man den Eindruck, alle Berlin-Touristen sind genau da, wohin wir wollen. Wir bummeln durch die Postkarten-Läden, dann finden wir ein Italienisches Restaurant, wo wir  die Mittagspause mit einem Salat (für mich) und einer Pizza Margharita (für Leonie) verbringen und die Zeit zum Ausruhen und Postkartenschreiben nutzen.

Von der Friedrichstraße fahren wir zum Alexanderplatz. Es scheint auf jedem Platz und an jeder Ecke gebaut zu werden. Vom Alexanderplatz wandern wir am Berliner Rathaus vorbei durch das Nikolaiviertel, sozusagen Berlins Altstadt und ursprüngliches Milljöh. Schnell sind wir wieder an der Spree, wo wir uns wegen des guten Wetters entschließen, eine einstündige Bootstour mit einem der Ausflugsboote zu machen. Es startet gegenüber der Baustelle vom Berliner Stadtschloss, dessen Fassade rekonstruiert wird. Früher stand dort  der Palast der Republik. Ich kann mich noch gut erinnern, dass bei meinem letzten Berlinbesuch Erichs Lampenladen – schon ziemlich entkernt – auf sein Ende harrte.  Von der Spree aus hat man einen schönen Blick auf viele alte und neue Gebäude Berlins, den Dom, die Museumsinsel, die ganzen Regierungsgebäude – kurz nach dem ehemaligen Kongresszentrum, der schwangeren Auster, wird dann wieder gedreht. Zu Fuß geht es wieder – nach einem kleinen Zwischenstop bei Marx und Engels – zurück zum Alex. Meine Tochter ist völlig aus dem Häuschen, als sie auf einer Parkbank einen unscheinbaren jungen Mann mit Kopfhörern sitzen sieht: Es ist nämlich ein berühmter You Tuber. Das hätte ich ihm nicht angesehen. 😉

Die ganze Strecke ist zur Zeit Baustelle, hier wird noch ein fehlendes Stück U-Bahn verlegt. Uns stockt der Atem, als sich von einem Hochhaus Menschen – an Drahtseilen hängend – in die Tiefe stürzen.

Vom Alexanderplatz sausen wir wieder mit der U-Bahn zur Friedrichstraße, mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof und mit dem Bus ins Hotel. Klingt sehr flüssig – ist es aber bei weitem nicht. Die Vielzahl der öffentlichen Verkehrsmittel und ihr kompliziertes Liniennetz verwirrt Landeier tendenziell. Völlig entkräftet kommen wir im Hotel an. Zur Belohnung habe ich mir bei Lidl einen Spätburgunder Weißherbst gegönnt – und dann keinen Korkenzieher. Das sind die Tiefpunkte menschlicher Existenz. Meine Tochter hat nun all ihren Charme in die Waagschale geworfen und an der Rezeption für fünf Minuten einen Leihkorkenzieher ergattert. Ich feiere Dich, Du Prachtkind!!!

Tag 3: Ich weiß ja, dass ich meine Tochter nicht mit zuviel Sehenswürdigkeiten und Kulturdenkmälern überfrachten kann – immerhin ist sie ein Pubertand in voller Blüte. Und womit kann man den weiblichen Pubertanden immer locken? Richtig: Mit Shoppen. Deshalb lenken wir unsere Schritte heute zum Kurfürstendamm, wo meine Tochter – witternd wie ein Drogenhund – immer wieder in Klamottenläden abdreht und klagend über die hohen Kosten heraustritt. Ja, leider ist das Budget begrenzt. Immerhin spendiert Mama bei H&M ein Sommerkleidchen. Aus den Augenwinkeln werfen wir einen Blick auf die Gedächtniskirche, die zum größten Teil hinter einem Gerüst verschwunden ist. Den Schlusspunkt setzt das Kaufhaus des Westens, das uns sehr an Harrods in London erinnert: Tempel westlicher kapitalistischer Dekadenz halt 😉  Wir machen uns den Spaß, in die Feinkostabteilung im 6. Stock zu fahren und uns die Nasen an den wunderbaren Vitrinen mit Wild, Fisch, Meeresgetier und Geflügel plattzudrücken. Herrlich. Das Geld reicht aber nur für ein Laugenbrötchen.

Nach einer kleinen Mittagspause machen wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Wir müssen uns beeilen mit Duschen und Umziehen, denn um halb vier wartet schon das nächste Event auf uns: „Show me“ im Friedrichsstadtpalast. Karten habe ich übers Internet gebucht. Uns erwartet eine spektakuläre Show mit 25 wunderschönen Tänzerinnen, 14 athletischen Tänzern, perfekter Choreographie, Akrobaten, Ballett, tollen Kostümen und technischen Effekten – da bleibt uns echt der Mund offen stehen.

Als die Show um 18 Uhr endet, machen wir uns auf den Weg nach Wedding. Dort feiert mein Vetter mit etwa 25 Verwandten und Freunden seinen fünfzigsten Geburtstag in dem französischen Restaurant „l’Escargot“. Es ist schön, die Verwandten nach teilweise sehr langer Zeit wiederzusehen – und dann auch mal nicht zu einer Beerdigung in trauriger Stimmung. Es wird ein sehr heiterer und gesprächsintensiver Abend, der gegen Mitternacht endet. Ein Taxi bringt uns zu unserem Hotel.

Tag 4: Wir packen unser Zeug und machen uns auf den Heimweg – nicht ohne uns vorgenommen zu haben, bald mal wieder einen Besuch in der Bundeshauptstadt zu machen. Auf Wiedersehen, Berlin!

 

 

 

 

 

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