April, April – Histörchen aus der Familie III

Dass jemand seine Mitmenschen so richtig in den April schickt, ist nach meiner Wahrnehmung eher selten geworden. Schade eigentlich. Ein bisschen mehr Humor könnte die Welt schon vertragen, finde ich.

In meiner Familie war mein Großvater Alfred der ungekrönte König des subversiven Humors. Meine Mutter erzählt von ihrem späteren Schwiegervater, dass er ihr Briketts (fein säuberlich in Zeitungspapier eingewickelt) oder silberne Löffel (die er dann mit großer Betroffenheit „fand“) in die Tasche schmuggelte oder die Ärmel ihres Mantels zunähte. Besonders schön fand ich aber auch folgende Geschichte, die sich an einem 1. April in den fünfziger Jahren in Erkelenz zutrug.

Mein Großvater war Einkaufsleiter bei den Westdeutschen Licht- und Kraftwerken und teilte sich sein Büro mit zwei Mitarbeitern. Es gab dort auch eine kleine Verkaufsstelle, wo Privatpersonen zum Beispiel Glühlampen kaufen konnten. An diesem Tag wurde ein Lehrmädchen vom örtlichen Lebensmittelmarkt vorstellig, die schüchtern nach „zehn Kilo Watt“ fragte. Schnell und diskret ließ mein Großvater in einem Hinterzimmer einen großen Blechkanister, in dem Schutzfarbe für Strommasten gewesen war, mit Wasser füllen. Der Blechkanister wurde mit einer Zählerplombe versiegelt und mit einem gefährlich aussehenden Warnschild „Vorsicht Hochspannung“ beklebt. Dann wurde der Kanister unter allen Anzeichen von Vorsicht in den Verkaufsraum geschafft. Das Lehrmädchen war mit dem Rad gekommen. Nein, hieß es, mit dem Rad dürfe das Mädchen unter keinen Umständen zurückfahren, das sei viel zu gefährlich. Der Kanister wurde mit Seilen und Stricken auf dem Gepäckträger befestigt, dann musste das Mädchen sein Rad schwitzend vor Angst das Fahrrad die vielleicht zwei Kilometer zum Lebensmittelgeschäft zurückschieben.

Wie die Geschichte zu Ende ging, hat mein Großvater nie erfahren. Das war auch nicht wichtig für ihn – er hatte seinen Spaß gehabt. Ich nehme mal an, dass das Mädchen jetzt über siebzig Jahre alt ist – und dass sie sich wahrscheinlich heute noch gut an jenen 1. April in den fünfziger Jahren erinnern kann.

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Eingeordnet unter Familiengeschichten

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