Klassentreffen

Vor einigen Wochen bekam ich per E-Mail eine Einladung zu einem Jahrgangstreffen meiner alten Schule. Es galt, 30 Jahre Abitur zu feiern. Meine Güte, dachte ich, ist das schon so lange her? Schicke Abibälle oder Abi-Streiche gab es übrigens bei uns vor 30 Jahren nicht, bei unserer Zeugnisausgabe am Vormittag trug ich brav mein pinkfarbenes Konfirmationskleid (ja, es war wirklich pink), abends feierten wir eine rauschende Open-Air-Party im Garten meiner Eltern. Es gab Suppe aus einem großen Kessel über offenem Feuer (die schrecklich einbrannte) und laute Musik, die die Nachbarn ärgerte und schließlich im Morgengrauen die Polizei auf den Plan rief. Den jungen Streifenbeamten schien unser Fest aber zu gefallen, sie erklärten die Nachtschicht für beendet und tranken noch ein Feierabendbier  auf unserer Terrasse.

An das erste Klassentreffen – war es nach fünf Jahren? –  erinnere ich mich nicht mehr gut, es fand in einem Kellerraum der Schule statt. Ich vermute, dass ich damals mit meiner Schul- und Studienfreundin Iris eingerauscht bin, so richtig a la Achziger: Lederklamotten, wildes Styling und explodierte Haare. Wir wollten es den biederen Hausmütterchen zeigen, die sich direkt nach der Schule schon an die Familiengründung gemacht hatten.

Beim Zwanziger war ich nicht dabei, es lag blöd in der Ferienzeit – und by the way: Ich hatte mich inzwischen auch an die Reproduktion gewagt, meine Tochter war vier und ich hatte keine Lust und Energie, für „mein Haus, mein Mann, mein Kind“ 400 km weit zu reisen, zumal ich weder Yacht noch Rennpferd vorzuweisen hatte.

Beim Dreißiger-Fest hatte ich wieder gezögert. Aber dann gab ein Gespräch mit meinem alten Freund Micha den Ausschlag: Er ermunterte mich, doch meine alten Schulkontakte wiederzubeleben, das sei sicher total spannend und witzig, ich solle mir die Chance doch nicht entgehen lassen. Trotzdem hatte ich keine großen Erwartungen, als ich mich am vergangenen Samstag „geschnatzt und aufgesatzt“ auf den Weg ins Erkelenzer „Hotel am Weiher“ machte, wo die Party stattfand. Schon von weitem hörte ich das Geschnatter von etwa 60 Fast-Fünfzigerinnen, die sich im hauseigenen Biergarten versammelt hatten und einen Begrüßungssekt schlürften. Ruckzuck war ich mitten im Gewusel und schnatterte munter mit. Ein Lehrer stürzte förmlich auf mich zu und erinnerte sich und mich lebhaft an eine lang zurückliegende Episode von einer Chorfreizeit, die er mit meiner Person verband. (Die will ich hier nicht erzählen, aber nur soviel: Es ging um einen echten Totenschädel). Während ich mühsam in meinem Gedächtnis nach seinem Namen kramte (perfiderweise hatten wir Schülerinnen Namensschilder, die Lehrer aber nicht) wurde er abgelenkt, was ich unauffällig zur Flucht nutzte. Ich staunte über unsere ehemalige Lehrerin für Chemie und Biologie, die in mir leider keine Faszination für die Naturwissenschaften hatte wecken können. Sie war mir vor 30 Jahren  schon alt oder zumindest altjüngferlich vorgekommen, hatte sich aber seither kaum verändert und hervorragend gehalten. Mir fiel ein, dass sie mich mal während eines Biologietests mit einem aufgeschlagenen Biobuch unter der Bank erwischt hatte. Mit ihm hatte ich meine mangelnden Kenntnisse der Vererbungslehre unauffällig aufzufrischen versucht. Das war peinlich gewesen. Vielleicht noch peinlicher als die Chemiestunde, in der ich die Begriffe „hydrophil“ und „homophil“ verwechselt hatte.  Auch mein Englischlehrer aus der Mittelstufe hatte sich eingefunden, ein Mensch strikter und sehr konservativer Moralvorstellungen. Er bewachte damals immer die Verbindungstür zwischen den Pausenhöfen unseres Mädchengymnasiums und des Jungengymnasiums nebenan wie ein Schießhund und hielt uns Vorträge über den „Vorbehalt der Ehe“. HÄ? Ich kann allerdings heute noch die „If“-Beispielsätze, die er uns im Chor auswendig deklamieren ließ. Leider war er wieder weg, bevor ich sie ihm zum Beweis aufsagen konnte. Ach, es war ein echter Spaß, die Lehrer wiederzusehen.

1979Meine alte Klasse 1979 – Wer erkennt mich???

Ich habe dann den Abend mit vier, fünf Klassenkameradinnen verbracht, mit denen ich unheimlich intensive, teils ernste, teils  witzige Gespräche geführt habe. Manche waren sehr offen, haben auch mit Humor über schwierige Episoden in ihrem Leben berichtet, über Verluste und Enttäuschungen. Manche haben auch einfühlsam und empathisch zugehört. Manche beides. Dies alles hat mir total gut getan. Im Nachhinein war ich richtig froh, diesen redseligen und weinseligen Abend mit ein paar Frauen verbringen zu können, die wie guter Wein mit den Jahren besser und reifer geworden sind. Danke Cathleen, Gisela, Sabine, Susanne für den schönen Abend – und ich hoffe, wir sehen uns nicht erst zum Vierzigjährigen wieder.

Unser Abiturjahrgang beim Treffen zum 30. Jahrestag

Unser Abiturjahrgang beim Treffen zum 30. Jahrestag

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Persönliches

Eine Antwort zu “Klassentreffen

  1. Ich hab mit der Vergrößerungsfunktion gearbeitet, mit der Ausschlussfunktion. Aber ich krieg’s nicht raus. Das musst Du mir bei Gelegenheit mal verraten. Ich hoffe ihc kann heute nacht trotzdem schlafen..:-)

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