Neuhauser Pferde

Angeregt durch die Blogparade von Johannes Korten zum Thema Schenken habe ich darüber nachgedacht, welches Geschenk für mich besonders kostbar war oder mich in besonderer Weise berührt hat. Und da fiel mir gleich mein Pferdebild ein.

Pferdebild von Karl Volkers, 1945, Gülze bei Neuhaus an der Elbe

Pferdebild von Karl Volkers, 1945, Gülze bei Neuhaus an der Elbe

Das Bild, ein Aquarell, hing immer bei meinen Großeltern im Wohnzimmer über der Couch. Es zeigt eine Koppel mit  etwa zwölf Pferden: Zwei Stuten mit ihren noch ganz jungen Fohlen befinden sich im Vordergrund, die anderen Mitglieder der Herde haben sich auf der Weide verteilt und grasen friedlich. Im Vordergrund ein Obstbaum, im Hintergrund eine Reihe gedrungener Häuser, bäuerliche Gehöfte.  Meine Großmutter liebte das Bild, weil es ihre Heimat zeigte, das Dorf ihrer Vorfahren. Der Maler hat auf dem Bild vermerkt „Gülze b. Neuhaus Elbe“ und auch das Datum: 1945. Da der Obstbaum Sommerlaub trägt, muss das  Bild also unmittelbar nach Kriegsende gemalt sein. Die Häuser sehen unbeschädigt, die Tiere so friedlich aus. Eine richtige Idylle. Mit Sicherheit war die Zeit jedoch  alles andere als idyllisch.

Meine Großmutter Luise lebte zu diesem Zeitpunkt schon im Rheinland, war aber in der letzten Kriegsphase, der so genannten „Evakuierung“,  mit ihren beiden Kindern Friederike und Dieter zu ihren Eltern an die Elbe gereist. Mein Großvater Alfred war da vermutlich schon in russischer Kriegsgefangenschaft. Meine Großmutter erlebte in Neuhaus  das Kriegsende und den Einmarsch der Alliierten.

Das Bild ist signiert mit dem Namen K. Volkers. Internet sei Dank konnte ich herausfinden, dass der Maler Karl Volkers von 1868 bis 1949 gelebt hat. Die Volkers waren eine Familie von bekannten Pferdemalern. Wie sein Vater Emil Volkers und sein Bruder Fritz hatte auch Karl sich dem Pferdeportrait verschrieben. Ebenfalls im Internet fand ich die Lebenserinnerungen der Enkelin von Karl Volkers, Marianne Bieniek. Sie war mit den Großeltern, Mutter und Geschwistern ebenfalls in Neuhaus an der Elbe evakuiert. In den letzten Kriegsmonaten erlebten sie Fliegerangriffe, Feuer, Hunger und Kälte. Ein Bruder starb noch am 16. April 1945 bei einem Tieffliegerangriff. Auch die Nachkriegszeit war hart und entbehrungsreich. Marianne Bieniek erinnert sich: „Meine Großeltern blieben in dem Haus der Sparkasse (oder Bank) wohnen. Mein Großvater war Pferdemaler, der bis zu seinem Lebensende im Jahre 1949, mit Rucksack und Malzeug unterwegs war, um bei den Bauern der umliegenden Dörfer Pferde zu malen. Damit tauschte er Lebensmittel für die Familie. Ich weiß, dass es noch Bilder meines Großvaters in der Umgebung gibt.“ Nun, so schließt sich der Kreis: Auch meine Großmutter oder deren Familie gelangte in den Besitz eines Pferdebildes des renommierten Pferdemalers, und es überstand alle Nachkriegswirren und bekam im Haus meiner Großeltern einen Ehrenplatz.

Ich war schon als Kind ein Pferdenarr. Daher war ich von dem Bild fasziniert und betrachtete es oft. Bewunderte die Präzision des Malers, die stimmigen Proportionen der Pferde, die liebevollen Details des Bildes und seine friedliche Stimmung. Als ich 1998 heiratete, war meine Großmutter leider schon zu alt und zu krank, um noch zu reisen. Ich hatte immer schon ein besonders inniges Verhältnis zu ihr und bedauerte es sehr, sie an diesem wichtigen Tag nicht bei mir zu haben. An dem Tag überreichten mir meine Eltern ein großes, flaches  Paket und einen Brief meiner Großmutter. Ich wusste gar nicht, was mich da erwartete. Ich riss das Papier auf, und das Pferdebild kam zum Vorschein. Ich bin vor Freude und Rührung in Tränen ausgebrochen. Das war das wunderbarste Geschenk, das ich je bekommen habe. Außer vielleicht meiner Tochter. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Eingeordnet unter Familiengeschichten

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