Geschichte aus Stein

Am östlichen Ortsrand von Michelbach steht auf einer kleinen Anhöhe die Michelbacher Martinskirche. Und weil ich einer ihrer nächsten Nachbarn bin und sie von meiner Terrasse aus ständig im Blick habe, möchte ich diese Kirche, eine der ältesten im Landkreis, vorstellen.

Geschichte

Die erste Michelbacher Kirche wurde wohl etwa Mitte des 8. Jahrhunderts erbaut. Michelbach wurde als fränkische Siedlung gegründet. Die Franken bauten die erste Kirche der Gegend auf der Stöckenburg. Von dort aus wurde später das Michelbacher Gotteshaus errichtet und wie die Mutterkirche dem heiligen Martin von Tours geweiht. Wie diese erste Michelbacher Kirche oder Kapelle aussah, ob die aus Holz oder Stein erbaut war, ist nicht bekannt. Sicher dürfte sein, dass sie auf derselben Stelle stand wie die heutige Kirche.

Kirche 41

Der Turm – seit 800 Jahren dominiert er Michelbach

Das Gebäude

Der älteste Teil der heutigen Kirche ist der Turm, der neben romanischen auch Stilelemente des Übergangs zur Gotik zeigt und um 1200 oder bald danach erbaut wurde. Der Turm wirkt sehr massiv, aber nicht wuchtig plump. Das erreichten die Baumeister durch zwei Kunstgriffe: Zum einen teilten sie den Turm optisch in zwei Flächen ein, die durch Rundbogenfriese voneinander abgegrenzt sind. Zum anderen ließen sie den quadratischen Turm im dritten Stock durch kurze Schrägen in ein Achteck übergehen. Das leicht nach unten ausschwingende Zeltdach verleiht dem mächtigen Turm Eleganz.

Das Kirchschiff, das ursprünglich zum Turm gehörte, war schmaler und niedriger als das heutige. Im Inneren der Kirche über dem Chorbogen kann man heute noch erkennen, wo das frühere Kirchendach ansetzte. 1492 brach man das Kirchenschiff ab und baute es von Grund auf breiter und höher. Große Spitzbogenfenster ließen mehr Licht herein. Rund hundert Jahre später wurde die Kirche nach Westen hin (heutiger Eingangsbereich) erweitert. Ihren heutigen Umfang erhielt die Kirche 1956. Das Langhaus wurde nochmals um 3,40 m  verlängert.

Auch in ihrem Inneren wurde die Kirche immer wieder umgebaut. Der steigende Bedarf an Sitzplätzen führte dazu, dass bereits ab 1587 Emporen eingebaut wurden. Die Emporen verdunkelten den Raum, so dass man zu verschiedenen Zeiten neue Fenster brach.

Farbige Schätze des Mittelalters

1888 entdeckte der damalige Pfarrer Adolf Lubrecht bei Malarbeiten und beim Abkratzen der Wand am Chorbogen, dass darunter „zwei Engelsfiguren und im Chor altertümliche Nonnenfiguren etc. zum Vorschein kamen“. Es handelte sich um mittelalterliche  Fresken. Diese wurden 1925 freigelegt und sind seither der kunsthistorisch wertvollste Schmuck der Kirche. Fachleute datieren sie auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Gnadenstuhl

Der Gnadenstuhl mit Vater, Sohn und Heiligem Geist, umrahmt von den Symbolen der vier Evangelisten

Der Turmchor ist genau nach Osten ausgerichtet. Er trägt ein Rippenkreuzgewölbe im Übergangsstil von Romanik zur Gotik. Das der Gemeinde zugewandte Fresko zeigt die Heilige Dreifaltigkeit in der Mandorla auf dem Himmelsbogen thronend. Gottvater hält den gekreuzigten Christus, dazwischen schwebt die Taube des Heiligen Geistes nach unten. Die Dreifaltigkeit ist umgeben von vier geflügelten Lebewesen (Engel, Löwe, Stier und Adler), die die Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) symbolisieren. Blumen und Sterne schmücken das Gewölbe. Die Bedeutung der übrigen Fresken ist nicht ganz geklärt. Zwei Szenen könnten als Taufe gedeutet werden. Die eine zeigt möglicherweise Johannes bei der Taufe Jesu, die andere einen Mann mit römisch anmutendem Gesicht und Bischofsstab, der zwei schemenhaft gezeichnete Personen tauft. Das könnte Martin von Tours sein. An der Nordwand ist die Krönung der Maria deutlich zu erkennen.

Das Michelbacher Geläut

Im Dachstuhl des Turmes, den ich 2011 besichtigen durfte, hängen drei Glocken. Sie sind vergleichsweise jung, weil die Michelbacher ihre Glocken immer wieder in Kriegszeiten abgeben mussten. Das Metall wurde in den Weltkriegen für Kanonen benötigt. Im Michelbacher Heimatbuch von 1980 schreibt Pfarrer Reinhold Hohl (Michelbach 1959-1971) in diesem Zusammenhang: „Zwei Glocken von 1475 und 1696 mussten im Ersten Weltkrieg abgeliefert und 1922 durch neue ersetzt werden.“  Zwei der drei Glocken von 1922 wurden  im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt.

Über viele Jahre rief nur die kleine Glocke zum Gottesdienst und zum Gebet. Erst 1949 – nachdem sie durch die Überlastung einen Riss bekommen hatte – konnte sie durch zwei neue Glocken ersetzt werden. Diese wurden in der  heute nicht mehr bestehenden Glockengießerei Kurtz (Stuttgart) angefertigt und hängen heute noch im Turm der Martinskirche. Die Taufglocke (Tonhöhe des’’) ist mit 226 kg und einem Durchmesser von 73 cm die kleinste. Auf ihrem oberen Rand ist zu lesen „Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“ (1.Kor. 13,13), unten „Den Gefallenen und Vermissten des Weltkriegs 1914-1918 zum Gedächtnis die dankbare Gemeinde Michelbach/ Bilz“. Sie schlägt die Viertelstunden und wird, wie der Name sagt, während der Taufen geläutet.

Die Kreuzglocke (Ton b’) ist mit einem einfachen Kreuz verziert, hat 395 kg und einen unteren Durchmesser von 87 cm. Auf ihr findet man die Fortsetzung des Texts von der Taufglocke: „aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ und am unteren Rand „Den Gefallenen des Weltkriegs  1939-1945 zum Gedächtnis die dankbare Gemeinde Michelbach/Bilz“. Für sich allein läutet sie nur an Werktagen um 11 Uhr und sonntags eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes. Historisch wird die Kreuzglocke auch als „Leiden-Jesu-Glocke“ bezeichnet. Bei Beerdigungen begleitet sie als Schiedglocke die Gemeinde auf ihrem Gang von der Kirche zum Friedhof. Mit Augenzwinkern verraten alte Michelbacher, dass ihr Läuten um 11 Uhr die Bauersfrauen daran erinnern sollte, vom Feld an den Herd zurückzukehren, damit das Mittagessen rechtzeitig fertig würde.

Die jüngste und größte Glocke, die „Betglocke“ (Ton as’), wurde im Jahr 1976 angeschafft. Kirchengemeinderat Fritz Löw ergriff die Initiative und sammelte in allen Michelbacher Häusern Geld. Ein ganzer Bus von Gemeindegliedern fuhr zu ihrem Guss nach Bad Friedrichshall (Kochendorf) zur Glockengießerei Bachert. Die Firma betreut übrigens auch heute noch die Michelbacher Glocken. Beide Glockengießer haben ihr Emblem auf den Glocken angebracht. Die meisten Verzierungen sind auf unserer größten und tiefsten, der Betglocke  zu finden. Sie hängt in der Mitte, hat 578 kg und einen Durchmesser von 101 cm. Auf ihr lesen wir: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten“. Sie schlägt die vollen Stunden und ruft um 6 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr zum Gebet. Außerdem wird sie sonntags eine Stunde vor dem Gottesdienst geläutet.

Samstags um 16 Uhr läuten alle drei Glocken gemeinsam den Sonntag ein und rufen sonntags zum Gottesdienst.

Die drei Glocken im Turm der Martinskirche

Die drei Glocken im Turm der Martinskirche

Lebendige Gemeinschaft

Obwohl ich die Michelbacher Kirche täglich vor Augen habe, ist ihr Anblick für mich nie selbstverständlich. Ich freue mich an dem alten Gemäuer und an dem, wofür sie steht: Lange Tradition, lebendige Gemeinde und Gemeinschaft. Die Kirche ist mit Leben erfüllt. Es gibt jede Menge Angebote für Menschen aller Altersstufen. Michelbacher Bürger  können von den Angeboten profitieren, sicher aber auch dort engagieren und beteiligen. Ihre individuellen Talente einbringen. Ich wünsche der Martinskirche mindestens weitere 800 glückliche und erfolgreiche Jahre im dörflichen und geistlichen Zentrum Michelbachs.

Kirche Abendrot

Quellen:

„Michelbach an der Bilz – Beiträge zur Geschichte und Gegenwart“, herausgegeben von der Gemeindeverwaltung Michelbach an der Bilz, 1980, Badenia Verlag und Druckerei GmbH, Karlsruhe

Artikel von  Tilman Schwenk im Weihnachtsbrief der Kirchengemeinde Michelbach, Dezember 2012

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