Kohl kolossal

Es hat Jahre gedauert, bis ich ihn wirklich mochte. Auch meine Tochter tut sich schwer damit. Und trotzdem hat sie eigentlich keine Wahl, als sich an ihn zu gewöhnen. Die Rede ist von unserem Weihnachts-Grünkohl.

Ja, ganz recht: Weihnachten, genauer gesagt, am Heiligabend Mittag um 12.30 Uhr gibt es in unserer Familie Grünkohl.  Seit wann? Das verliert sich in den stark riechenden Dunstschwaden der Familiengeschichte. Verbürgt ist, dass schon meine Urgroßmutter an Heiligabend Grünkohl auf den Tisch brachte. Meine Großeltern übernahmen das, meine Eltern und ich führen die Tradition fort. Von meiner Großmutter wird erzählt, dass sie weinend und mit klammen Fingern den Grünkohl in eisigem Wasser putzte, während klein Dieter (mein späterer Vater) seiner Schwester einen Schlittschuh hinterher warf und das Küchenfenster zertrümmerte, der Hund unter der auf einer Spanplatte montierten Spiel-Eisenbahn hindurchlief und schwanzwedelnd einen Kurzschluss im ganzen Haus verursachte und mein Großvater stöhnte: „Ich geh in den Wald. Diesmal verbringe ich Weihnachten im Wald!“

Am schönsten fand ich unser Grünkohlessen in den Jahren, als meine Großeltern noch lebten und in der großen Wohnküche meiner Großeltern der Grünkohl für drei Generationen zubereitet wurde. Große, dampfende Kessel standen auf dem Gasherd. Einen Abzug gab es nicht, der Grünkohldunst schlug sich an den Fenstern ab und lief in Rinnsalen Richtung Fensterbank, im Haus roch es noch tagelang nach Kohl. Im Gegensatz zu den sehr festlich zelebrierten Weihnachtsessen am ersten und zweiten Weihnachtstag ging es beim Grünkohl ganz bewusst schmucklos und plebejisch zu: Nackter Resopaltisch, Teller, Messer, Gabel, fertig. Nachher für alle einen Schnaps, auch für die Kleinen.

Heute ist mein Vater der Grünkohlverantwortliche in der Familie. Schon Wochen vor dem Fest sondiert er mögliche Quellen. In der rheinischen, vom Rüben und Weizenanbau dominierten Landwirtschaft gibt es nicht viele Gemüsebauern – und die, die es gibt, haben nicht unbedingt Grünkohl in ihrem Angebot. Daher ist er immer glücklich, wenn er vermelden kann, dass er  Grünkohl für Weihnachten beschafft hat. Grünkohl muss übrigens Frost bekommen haben, sonst schmeckt er nicht. Früher konnte das in einer zu milden Vorweihnachtszeit (das Rheinland hat sowieso um einiges wärmere Durchschnittstemperaturen als Baden-Württemberg) tatsächlich zum Problem werden. In Zeiten von Gefrierschränken ist das natürlich vorbei. Meine Eltern zupfen, waschen und blanchieren den Grünkohl und frieren ihn dann für den Tag X ein.

Liebevoll wird er dann in Schmalz angedünstet, was ihm einen nahezu überirdischen Glanz verleiht. Haferflocken geben ihm die richtige Konsistenz. Kartoffeln dürfen dazu natürlich nicht fehlen, Bauernwürste und Kasseler fügen dem Menü ihre deftige Note hinzu.

Der Grünkohl bekommt bei uns sogar einen literarischen Kontext. Schon seit ich denken kann, legen wir nach den ersten Bissen, die wir mit Grunzen des Behagens und Lauten der Lobpreisung in Richtung Koch zu uns genommen haben, unser Besteck beiseite. Dann kommt Pidder Lüng ins Spiel. In der sehr dramatischen Ballade von Detlev von Liliencron geht es um einen Sylter Fischer, der seine Auflehnung wider die Obrigkeit und seinen Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlt. Natürlich ist auch dort Grünkohl im Spiel. Seit fast 40 Jahren bin ich der Vorleser und versuche jedes Mal, mit einem möglichst theatralischen Vortrag Gänsehaut auf den Armen meiner Familienmitglieder hervorzurufen.

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Ich kann mich nur an ein Weihnachtsfest in meinem Leben erinnern, an dem es keinen Grünkohl und auch keinen Pidder Lüng gab. Das war 1998, und ich verbrachte den kompletten Tag des Heiligen Abend – ohne nennenswertes Essen –  im Kreißsaal des Haller Diakonie-Krankenhauses. Meine Eltern hockten derweil in einem Haller Hotel und warteten ungeduldig auf ihre Enkeltochter. Die kam dann in der Nacht auf den 25. Dezember auf die Welt und hat schon deshalb in besonderem Maße die moralische Pflicht, die Familien-Weihnachtstraditionen weiterzuführen.

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