Gewilderte Hasen – Histörchen aus der Familie II

In der Nachkriegszeit lebte die Familie meiner Urgroßeltern mütterlicherseits im kleinen rheinischen Ort Gerderath. Mein Urgroßvater Wilhelm Bürgers war Landwirt und hatte acht Kinder: Maria, Wilhelm,  Katharina, Anna, Josef, Berta, Johanna und Gertrud, die zwischen ca. 1900 und 1914 geboren wurden. In der Nachkriegszeit waren einige der Geschwister verheiratet, Berta war früh gestorben, und auf dem Hof lebten die unverheirateten Nachkommen Josef, Johanna und Gertrud. Die früh verwitwete Katharina, meine spätere Großmutter, lebte in der Nachbarschaft.

Die Viehhaltung und -schlachtung war im britisch besetzten Rheinland streng kontingentiert. Trotzdem schaffte es mein Urgroßvater mit einem ausgeklügelten, wenn auch illegalen Trick, gelegentlich an frischen Braten für seine große Familie zu kommen. Wenn er im Winter zu einer Feldmiete fuhr, um Runkelrüben als Schweinefutter zu holen,  ließ er auf dem Rückweg Pferd und Fuhrwerk alleine über den Acker nach Hause fahren. Er selbst  schlich in einem gehörigen Abstand, mit einer Mistgabel bewaffnet, über den gepflügten Acker hinter dem Gespann her. Sein geübtes Auge hatte den Feldhasen in der Ackerfurche längst entdeckt. Während der Hase von davonrumpelnden Gefährt so abgelenkt war und diesem fasziniert hinterherschaute, schlich sich mein Urgroßvater von hinten an die Beute an. Mit einem gezielten Schlag streckte er den Hasen nieder und brachte so nicht selten zum Feierabend einen willkommenen Festschmaus mit nach Hause.

Die erlegten Hasen wurden im „Pitöllchen“ (einem kleinen Durchgang zwischen zwei Höfen) zunächst an den Hinterbeinen aufgehängt, nach einigen Tagen fachmännisch abgezogen, ausgenommen und zerlegt. Dann kamen sie für einige Tage in einen Sud aus Essig, Wasser und Gewürzen. Meine Urgroßmutter briet die sauren Hasen in einer großen Kasserolle auf dem riesigen Kohleherd. Dazu gab es Kartoffeln aus eigenem Anbau. Meine Mutter erinnert sich mit Freude an diese wunderbaren Familienessen. Sie war das Nesthäkchen und Opas Liebling, daher durfte sie den Hasenkopf abnagen.  Lecker!

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