Der treue Sekretär

Gerne beteilige ich mich wieder an der Blogparade meines lieben Kollegen, des Bausparfuchses. Er hat diesmal nach meinem Lieblingsmöbel gefragt.

Besonders ans Herz gewachsen ist mir dieser Sekretär meiner Eltern.

Mein Ur-Urgroßvater Friedrich August Ludwig Bethe war Möbelschreiner und hat diesen Sekretär vermutlich um 1880 angefertigt. Er lebte mit seiner Familie in Göttingen, und und als Nebenverdienst vermietete er Zimmer an Studenten. Alle diese Zimmer müssen mit solch selbstgeschreinerten Sekretären ausgerüstet gewesen sein.

Meine Urgroßmutter Frieda Luise Marie Bethe erhielt  – wie auch ihre Schwester Emmi – als Aussteuer ein komplettes Schlafzimmer mit Schränken, Betten und Kommoden aus Eiche. Und diesen Sekretär. Sie heiratete 1903 einen schneidigen Husaren, der nach seiner Dienstzeit als königlich-preußischer Gendarmariewachtmeister ins preußisch besetzte Rheinland  entsandt wurde. Die Möbelstücke kamen natürlich mit – zunächst in eine Mietwohnung, dann in das eigene Haus. Mein Urgroßvater starb früh, im Krieg musste die Familie eng zusammenrücken. Einem Bombentreffer entging das Haus nur knapp, die Detonation sprengte jedoch die Dachpfannen weg. Die eindringende Feuchtigkeit beschädigte die Bausubstanz und ließ auch die Schreibplatte quellen. Im Laufe der Jahre ging eine Schublade und ein Brieffach verloren, außerdem einige Griffknöpfe.

Nach dem Krieg zogen meine Großeltern mit ihren Kindern mit in das Haus meiner Urgroßmutter. Mein Vater erzählte mir, dass seine Eltern so um 1950 herum  in der kleinen obersten Schublade ein Buch mit anatomischen Zeichnungen aufbewahrte. Mit hochroten Backen kletterte mein Vater an die Schublade, zog mit den Zähnen die Schreibtischschublade heraus und sah sich heimlich die Bilder an. Als ich klein war, bewahrte mein Großvater in der großen oberen Schublade Schokolade auf. „Opa“, „Schublade“ und „Schokolade“ verschmolzen in meinem begrenzten Sprachschatz: Mein Opa wurde regelmäßig schwach, wenn ich mich vor den Sekretär stellte, nach oben deutete und „Opalade“ rief. Diese Schublade  ist meiner Großmutter einmal zum Verhängnis geworden. Sie wollte sie aufziehen, der Schlüssel rutschte aus dem Schloss, meine Großmutter fiel rückwärts und brach sich einen Wirbel an. So sind als freudige und dramatische Momente meiner Familiengeschichte eng mit diesem Möbelstück verknüpft, das im kommenden Jahr in meinem Wohnzimmer einen Ehrenplatz bekommen wird.

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Eingeordnet unter Blogparade, Familiengeschichten

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