Suebian Cowgirl

Im Herz des wilden Südens muss man mit allem rechnen. Sogar mit eigenwilligen Rindviechern.
Dieser Tage habe ich meinen Garten winterfest gemacht und laufe mit einigen Gartenabfällen Richtung Friedhof, um sie im dortigen Grünabfall-Container zu entsorgen. Als um die Ecke biege, sehe ich, wie eine rot-weiße Kuh mit laut scheppernder Glocke auf den Weg tritt, gefolgt von einer immer größer werdenden Schar Artgenossen.  Etwas unentschlossen drängen sie sich zusammen, ehe dann die beglockte Leitkuh sich gemütlich Richtung Dorf in Bewegung setzt. Wo ist denn die dazugehörige menschliche  Begleitung? Keine Begleitung, realisiere ich. Die etwa 20 Kühe von Biobauer Maas, die auf der Weide hinterm Friedhof eigentlich frische Luft schnappen und sich am kärglicher werdenden Herbstgras gütlich tun sollten, haben sich selbstständig gemacht. Offensichtlich ist es ihnen zu kühl, zu karg, zu langweilig geworden. Das kleine Drähtchen, das den Eingang ihrer Weide verschloss, haben sie missachtet und niedergetrampelt, offensichtlich hatte es ihrem Freiheits- oder Heimwehdrang nichts entgegenzusetzen. Der Weg, auf dem sie sich jetzt sammeln, führt hoch zur Bilz, dem Hügel über Michelbach, und hinunter ins Dorf, an der Kirche vorbei bis zum Biohof der Familie Maas. Ich merke schon, die Leitkuh hat sich für den Weg ins Dorf entschieden. Eine Kuhherde, die allein durch Michelbach wandert? Bussen und Autos begegnet? Besser nicht, denke ich, und trete der Leitkuh beherzt in den Weg. Ich hebe die Arme, fuchtele ein bisschen und sage mit aller Entschiedenheit, derer ich im Anblick von 40 Kuhaugen fähig bin: „NEIN“.

Ich habe Glück: Diese Kühe bremsen für Menschen. Sie haben zwar keinen entsprechenden Aufkleber auf dem Heck, aber ich ich bin doch sehr erleichtert, dass ich in ihren Augen kein Mordfunkeln entdecke. In den Augen der Leitkuh eher leichte Abschätzigkeit. Was will die denn, scheint sie zu denken. Unschlüssig steht sie vor mir, und ich untersuche schnell meine Garderobe, ob ich zuviel rot trage und vielleicht aufreizend auf sie wirken könnte. Zum Glück bin ich in das gedeckte Schwarz meiner Skijacke gewandet – kein Anblick zum Ausflippen, denke ich beruhigt. Ich versuche die Herde zurück auf die Weide zu treiben, aber ich habe keinen Erfolg: die Leitkuh ist stur und die Jungrinder sind völlig aufgeregt.

Eine Michelbacher Friedhofsbesucherin hat die Situation erfasst und unterstützt mich: „Ich fahre bei Bauer Maas vorbei und sage Bescheid“, sagt sie, springt ins Auto und ist weg. Ich zappele von Zeit zu Zeit mit den Armen und schreie und pfeife ein bisschen und hoffe inständig, dass Bauer Maas auch zu Hause ist. Tatsächlich rattert nur drei Minuten später ein Traktor über die Wiese. Bauer Maas kommt zur Hilfe. Er sperrt den Weg zum Dorf mit einem Draht ab und lässt die Kühe über die Wiese nach Hause laufen. Man merkt: Die sind ganz scharf darauf, wieder in ihren warmen Stall zu kommen. Nur einige hysterische Jungtiere, auf die mein Gezappel Eindruck gemacht hat,  sind jetzt Richtung Bilz unterwegs. Ich renne hinter ihnen her, so schnell ich es in meinen Gartenschuhen schaffe. Die zwei schnellsten muss ich eine ganze Weile verfolgen, bis ihre Zielstrebigkeit nachlässt und ich es schaffe, sie zu überholen und zurückzutreiben.

Nass geschwitzt in meiner Skijacke und mit meinen klappernden Gartenschuhen komme ich wieder unten an. Bauer Maas winkt mir ein Danke zu und schwingt sich wieder lässig auf seinen Traktor. Ich tippe mir an den imaginären Stetson und klappere von dannen – Yiiihaaaa, der Sonne entgegen.

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