Heiße Liebe

Jetzt, wo die Tage wieder kürzer werden und die Blätter fallen, kommt die Zeit, in der sich mein schnöder Waschkeller wieder in eine Wellness-Oase verwandelt. Dann nehme ich nämlich meine Keller-Sauna in Betrieb. Ich habe sie vor sieben Jahren angeschafft, in einer Lebensphase, in der es mir nicht so gut ging und ich mir etwas Besonderes gönnen wollte. Dank finanzieller Hilfe meiner Eltern habe ich es dann auch geschafft. Das Saunagehäuse und der Ofen sind von einer Fachfirma, aber der Rest – ja – auf den bin ich eigentlich besonders stolz, denn da steckt viel eigene Handarbeit drin.

Ein eigenes kleines Bauprojekt

Aus dem unscheinbaren Kellerraum haben mein Vater und ich ein kleines Wohlfühlcenter geschaffen. Mein Vater hat den Boden gefliest. Die Cousins eines Arbeitskollegen vom Bruder des Mannes meiner besten Freundin haben die Wände gedämmt und mit Rigipsplatten verkleidet. Die unschönen Hausanschlüsse wie Wasser- und Gaszähler verschwanden hinter einer Holzverkleidung. Besagter Arbeitskollege vom Bruder des Mannes meiner besten Freundin hat mir eine schöne Handtuchheizung eingebaut und eine Dusche installiert. Dann haben mein Vater und ich die Wand der Dusche mit Glasmosaiksteinen in verschiedenen Blautönen gefliest. Den Rest der Wände haben wir terracottafarben gestrichen. Ich ließ mir einen hübschen hellen Vorhang nähen, hinter dem man Waschmaschine und Trockner verstecken kann. Zum nächsten Weihnachtsfest schenkten meine Eltern mir honigfarbene Rattanmöbel, die mein kleines Saunareich dann komplett machten.

Einsiedler

Wenn ich in eine Sauna gehe, dann brauche ich kein Schnick und Schnack…. keine Aromatherapie, keine beruhigenden oder aufregenden Lichtspiele, kein Bergpanorama und keine Schnapsaufgüsse. Vor allem brauche ich keine anderen Menschen. Okay, ein Freundin oder auch zwei sind mir herzlich willkommen, das ist dann auch mal ganz gesellig. Aber ich bin auch gerne ein Sauna-Einsiedler, liege dann auf meiner Liege, schaue mir versonnen zur Decke aus Kiefernholz hinauf, genieße die Hitze und die Stille  und gehe meinen Gedanken nach. Darum ist schon der Gedanke an eine öffentliche Sauna ein Alptraum für mich. Ich bin wahrhaftig nicht prüde, aber die Vorstellung, in der Kleinstadtsauna nackige Kollegen oder Kolleginnen zu treffen, die man schon im Anzug oder Kostüm ungern sieht, hat doch für mich etwas eindeutig Abschreckendes.

Prägende Genüsse

Das war natürlich nicht immer so. Meine ersten Saunagänge machte ich im Herbst 73 in einer öffentlichen Sauna. Ich war im vierten Schuljahr – und der Zufall ergab, dass meine Mutter – sie war Lehrerin – und ich donnerstags beide schon relativ früh am Vormittag Schulschluss hatten. So trafen wir uns in der dem örtlichen Schwimmbad angeschlossenen „Damensauna“. Ein Clübchen vergnügter Damen gemischten Alters (meine Mutter, damals Anfang 30, und ich dürften die Küken gewesen sein) hielt dort Hof, trank gelegentlich Sekt in den Pausen und ließ sich an Geburtstagen vom Feinkostgeschäft am Ort Platten mit opulenten Schnittchen liefern. Kein Wunder, dass ich schon von Anfang an die Sauna als Ort von Luxus und Wohlbefinden zu schätzen wusste. Ein Jahr später griff mein Vater zu Fuchsschwanz und reichlich Nut- und Federbrettern und baute für uns eine Sauna im Keller des neuen Eigenheims. Er sägte jedes Brett von Hand zu,  machte alles selber, sogar die Liegen und Ruhepritschen – nur der Ofen war gekauft. Und was soll ich sagen: Diese Sauna ist immer noch in Betrieb.

Eng, laut, gesellig

Die Familiensauna war einfach herrlich und über viele Jahre geselliger Treffpunkt: Meine Eltern luden Freunde zum Saunabesuch ein und kochten anschließend für sie. Wir stiegen manchmal sogar zu fünft in den Keller hinab: Großvater, Großmutter, Vater, Mutter und ich – wobei das ganz schön eng wurde. Und auch manchmal laut: Mein Vater liebte es, Abbas greatest Hits oder Dixiland von den Dubliners in der Sauna zu hören. Eines Tages jedoch stellte er den Lautsprecher beim Reinigen auf den Sauna-Ofen  und vergaß ihn dort. Der  nächste  Saunaabend musste dann kurzfristig abgesagt werden, wegen stinkender Dämpfe, die durchs ganze Haus waberten, und einem flüssig gewordenen Lautsprecher, der mit den Steinen auf dem Saunaofen eine untrennbare Verbindung eingegangen war. Ab da herrschte zu meinem Glück wieder entspannte Ruhe.

Schöne Erinnerungen

Manchmal lud auch ich mir Schul- oder Studienfreundinnen zur Sauna ein – aber die allerschönsten Erinnerungen habe ich an die Saunagänge mit meiner Großmutter, die zu dieser Zeit schon auf die 80 zuging. Ich bewunderte ihre Zähigkeit und ihrDurchhaltevermögen, mit der sie auf der obersten von drei möglichen Bänken lag und sich kaum bewegte, während ich schon herumrangelte und auf die Sanduhr schielend der nächsten Abkühlung entgegenhechelte. Unter der kalten Dusche juchzte und zappelte sie dann wie ein junges Mädchen. Sie war eine wunderbare und einfühlsame Gesprächspartnerin, Erzählerin und Zuhörerin, in deren Gegenwart die Zeit immer wie im Fluge verging. Sie starb im Jahr 2000. Aber wenn ich heute in der Sauna liege und meinen Gedanken nachhänge – dann ist sie sehr oft dabei.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Familiengeschichten

2 Antworten zu “Heiße Liebe

  1. Seit ich in Crailsheim (als Ellwanger Schüler) mal meinem Deutschlehrer in der Sauna beegnet bin, geh ich auch nur noch im Urlaub. Weit weg 🙂

  2. „Die Cousins eines Arbeitskollegen vom Bruder des Mannes meiner besten Freundin“ – ich liebe diese innigen Beziehungsgeflechte 😉
    Ein lesenwerter fröhlicher Lebenslust-Text mit etwas Tränenpotenzial am Ende. Viel Spaß beim Saunieren.

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