Von Mäusen und Menschen

Meist bin ich ja peinlich. Ja, wirklich, als Mutter einer Pubertandin benehme ich mich oft befremdlich, pflege einen unangemessenen Kleidungsstil und wohne in einem Haus, für dessen Innenausstattung sie sich ihren Freunden gegenüber zutiefst schämt. Wie ich dann aber plötzlich für zwei kostbare Stunden zur strahlenden Heldin wurde, das will ich jetzt erzählen.

Das Problem

Es war ein Dienstagabend im September, und wir waren beide auf dem Weg in unsere Betten, als ich aus dem Zimmer meiner 13-Jährigen plötzlich einen Aufschrei hörte: „Iiiiiiiih – Socke hat ’ne Maus!“ Socke, das muss ich jetzt natürlich erklären, ist eine schlanke, sehr agile, schwarz-weiße Katzendame, die Dritte in unserem Weiberhaushalt, eine gnadenlose Jägerin und Kleintiervertilgerin. Ich stürzte hinzu und sah also, wie sich Socke mit ihrem lebendigen Spielzeug, einer kleinen grauen Maus, vergnügte. Im Bodensatz des Pubertandenstadels, bestehend aus Schuhen, Klamotten, Taschen, Schulsachen, Kosmetikartikeln, Haargummis, Münzgeld und Staub, war aus Sicht der Katze eine tierische Tummelwiese entstanden, aus Sicht der Maus wohl eher ein Amphitheater, in dem es um ihr nacktes Überleben ging. Im einem mäusemitleidigen Impuls schnappten wir die Katze, und die offensichtlich unverletzte Maus nutzte die unverhoffte Gunst der Stunde und entschwand spurlos in einer unübersichtlichen Ecke.

Vorwürfe

Das war wohl ein Fehler gewesen, wie mir eine Schrecksekunde später klarwurde. Wie sollten wir jetzt die Maus aus dem Kinderzimmer bekommen? Da ich für den Moment keine Lösung hatte, nahm ich Zuflucht zum zugegebenermaßen fiesen Trick der Schuldzuweisung, den meine Tochter aber auch perfekt beherrscht, und sprach: „DU hast eben die Katze reingelassen, und DU hast nicht geschaut, ob sie dicke Backen hatte oder ihr ein Mauseschwanz aus dem Mundwinkel hing, weil DU auf deinen IPod geguckt hast, weil DU nämlich internetsüchtig bist. Also ist es jetzt DEINE Maus. Guck, wie DU da jetzt mit klarkommst.“ Ja, ich gebe zu, das war gemein. Immerhin, und das nötigte mir wiederum Hochachtung ab, legte sich meine Tochter nach einigen vergeblichen Fangversuchen in ihrem Mäusezimmer klaglos ins Bett und schlief. Ich kenne einige Personen, die sich geweigert hätten, auch nur einen Fuß mehr in dieses Zimmer zu setzen.

Erste Jagdversuche

Am Mittwochmorgen verschlossen wie die Tür, verließen das Haus und  gingen zur Arbeit bzw. zur Schule – beide dankbar, das Thema erstmal verdrängen zu können. Erst am nächsten Nachmittag hörte ich den nächsten Schrei: „Da ist wieder die Maus. Sie klettert auf meiner Schreibtischlampe herum!“ Wir rüsteten uns mit Handtüchern aus, die wir über die Maus werfen wollten, versuchten eine Treibjagd, ohne den geringsten Erfolg. Im Geiste ging ich mein häusliches Waffenarsenal durch. Mein Haushalt verfügt immerhin über zwei Stichsägen, einen Elektrotacker, eine Schlagbohrmaschine, eine Saftpresse und einen Brotbackautomat, aber all dies hielt ich nicht wirklich geeignet für die Mäusejagd. Ich erklärte meiner Tochter, dass uns wohl nichts anderes übrig bleibe, als eine Mausefalle zu kaufen und zum Einsatz zu bringen. Davon wollte sie gar nichts wissen. So debattierten wir darüber, ob Mäuse auch unter die Haager Konventionen fallen, und ob es ethisch vertretbar ist, einen Gegner mit einem solch heimtückischen Gerät um die Ecke zu bringen. Da wir da keinen Konsens erzielten konnten, vertagten wir die Debatte. Wir schlossen die Kinderzimmertür und  meine Tochter fuhr wie jeden Mittwochabend zu ihrem Vater in der Stadt, um dort die Nacht zu verbringen. Ich ging mit Freunden aus.

Selbstmitleid

Als ich nach dem Genuss zweier Cocktails wieder zurück in mein Haus kam und erneut vor der verschlossenen Mäusetür stand, wurde mir klar, dass ich nun 24 Stunden später der Lösung des Problems kein Stück näher gekommen war. „Mist, alles bleibt immer an mir hängen“, dachte ich weinerlich. Ich haderte mit meinem Singledasein und mit der kulturhistorisch programmierten Rollenverteilung, die mich doch eher zur Sammlerin als zur Jägerin hat werden lassen. Ich sammle liebend gerne Himbeeren von Sträuchern oder Nüsse vom Boden auf. Ich bin gewiss nicht zimperlich und sammle auch Läuse aus Haaren oder Spinnen von Kellerwänden, wenn es sein muss. Aber nun hätte ich gerne den Kopf an die Schulter eines tapferen Mäusejägers  gelegt, seine Geschicklichkeit gepriesen oder ihm aus der Maus auch gerne einen Braten zubereitet oder ein Pelzkrägelchen genäht.

Besuch kündigt sich an

Am Donnerstagmorgen war mein Selbstmitleid zum Glück verflogen, und ich beschloss, meinem Problem geradewegs ins Auge zu schauen. Immerhin wurde der Druck größer: Für den Freitagnachmittag hatte sich der brandneue Freund meiner Tochter angesagt – und ich wusste nicht recht, welchen Verlauf eine mögliche Konfrontation zwischen Jüngling und Maus nehmen würde. Könnte es sein, dass die Maus dem Jungjäger über den Fuß huscht und sich dieser kreischend auf höher gelegene Möbelstücke zu retten versucht? Diesen jähen Tod jeder Romantik wollte ich meiner Tochter in jedem Fall ersparen. Nach der Arbeit schlich mich ins Mäusezimmer und überraschte unseren nervigen Nager dabei, wie er munter in den Schulsachen meiner Tochter turnte. Als ich mich näherte – wusch- weg war das Biest. Die nächsten Stunden verbrachten wir damit, den Bodensatz des Zimmers abzutragen und die unübersichtlichen Ecken auszuräumen.

Zumindest wurde aus dem Chaos-Chambre jetzt eine vorzeigbare Jungmädchen-Kemenate. Allerdings immer noch mit Maus. Die musste jetzt einer endgültigen Lösung zugeführt werden. Langsam wurde die Zeit knapp!

Auf der Lauer

Während ich mir mein Abendbrot zubereitete, betrachtete ich nachdenklich den Camembert auf meinem Brötchen. Nach zwei Tagen Diät musste die Maus schon ganz schön Kohldampf schieben –  und eine Idee  schoss mir durch den Kopf. Ich suchte mir rasch ein paar Zutaten zusammen. Eine Plastikhaube für Mikrowellengerichte, einen dicken Stift, ein Knäuel Strumpfwolle – und das letzte Stück meines aromatischen Käses. Im Mäusezimmer, unter dem Schulsachenregal, baute ich meine Falle auf. Meine Tochter lachte, als sie diese impovisierte Anlage sah, und meinte, das müsse sie erstmal fotografieren.

Immerhin war sie so solidarisch, mit mir im Zimmer zu bleiben. Sie schmiss sich auf ihr Bett und surfte mit ihrem IPod im Internet, während ich mich –  zwei, drei Meter entfernt von meiner Falle – auf die Lauer legte. Zwanzig, dreißig stille Minuten vergingen, da regte sich plötzlich etwas: Ganz in der Nähe meiner Falle sah ich einen Schatten huschen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, ich zog den Wollfaden behutsam auf Spannung und beobachtete fast atemlos, wie sich die Maus dem Käse näherte. In dem Moment, als sie ihre Zähne in den Camembert schlug, riss ich an dem Wollfaden, der Stift flog weg und die Plastikhaube fiel über die Maus.

Auf Nimmerwiedersehen

Mit einem wilden Kriegsgeheul sprang ich von meinem Stuhl und stürzte zu meiner Beute, gefolgt von meiner zunächst überraschten, dann beeindruckten Tochter. Welch ein Sieg! Welch ein Triumpf! Halali! Gemeinsam schoben wir vorsichtig eine Pappe unter die Plastikhaube, so dass wir die ganze Falle anheben und samt dem kleinen Mistvieh wegtransportieren konnten.

Einige Meter von unserem Haus entfernt, im Schein einer Straßenlaterne, entließen wir unseren unwillkommenen Gast in die Freiheit. „Mama, das war jetzt aber eine echt coole Aktion“, sagte mein Pubertand. „Die Fotos poste ich dir auf Faceboook.“ Und an diesem Abend ging ich ins Bett mit der Gewissheit, eine coole Mutter und eine erfolgreiche Sammlerin UND Jägerin zu sein – und dass es für fast jedes Problem eine Lösung gibt.

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Eingeordnet unter Familiengeschichten

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