Immerath – Heimat am Abgrund

Immer, wenn ich nach meinem Geburtsort gefragt werde, versetzt mir das einen kleinen Stich der Trauer. Ich sage dann „Immerath – heute Erkelenz“ – und meine Gedanken schweifen zurück in meine Kindheit, irgendwelche fernen Erinnerungen tauchen wie ein Echo in meinem Kopf auf – und dann mache ich mir klar, dass das Immerath meiner Kindheit nicht mehr existiert. Nicht weil es sich verändert hat, sondern weil es systematisch ausradiert wird: Immerath wird vom rheinischen Braunkohletagebau gefressen. Die Bagger sind auf Sichtweite an das kleine Dorf herangerückt, die meisten Häuser verlassen, die Fenster vernagelt, die Bewohner umgesiedelt. Sogar die Toten hat man umgebettet.

Ich wurde Mitte der sechziger Jahre im kleinen Immerather Krankenhaus geboren und lebte sieben  wunderbare und glückliche Jahre in diesem Dorf. Meine Eltern waren Lehrer an der dortigen Volksschule – später Hauptschule – und bezogen nach ihrer Hochzeit 1962 eine Dienstwohnung direkt neben dem Schulgebäude. Auch in den drei anderen Wohnungen, die zur Schule gehörten, tummelten sich Kinder meines Alters, so dass wir eine richtige Spielhorde waren.Zu unserem Revier gehörten die zwei Schulhöfe vor und hinter der Schule, ein Sportplatz, ein Ascheplatz, die Büsche rund um die Turnhalle, die Pappeln, mit deren raschelnden Blättern wir uns bewarfen, ein verwildertes Niemansland, in dem wir tote Vögel feierlich beerdigten, und dann das freie Feld, bewachsen mit Rüben und Weizen. Endlos erstreckte es sich vor unserenAugen bis zum Horizont, unterbrochen nur von den aufragenden Kirchen der Nachbardörfer.Wenn ich die Augen schließe, meine ich noch den Duft von Sonne auf reifem Korn zu riechen und das Zwitschern der Feldlerchen über uns zu hören. Mit meinem Freund Burkhardt, den ich im Kindergarten kennen gelernt hatte und dessen Eltern einen Bauernhof am anderen Ende des Ortes besaßen, spielte ich im in der Scheune gestapelten Stroh Fangen, oder wir sprangen von der Höhe der  Strohballen in die gut gepolsterte Tiefe.

Es gab ein kleines Lebensmittelgeschäft, einen Bäcker und einen Metzger, deren zwei Inhaber mit Spitznamen „Rind“ und Schwein“ hießen und exakt auch so aussahen. Ich glaube, zu dieser Zeit gab es noch keine Kanalisation im Ort: Das Abwasser aus den Häusern floss in einen Abwassergraben, die so genannte „Schindskull“, die an der Straße entlangfloss. Auch kann ich mich noch erinnern, dass es in manchen Bauernhöfen, wie dem der Eltern von meiner Freundin Martina, noch das sprichwörtliche Klo im Hof gab, mit Holztür und Herzchen. Wenn ich bei ihr im Nachbardorf übernachtete, gab es unter dem Bett einen Nachttopf, denn der nächtliche Gang auf den Hof wäre für uns Mädchen zu weit und zu kalt gewesen. Martina hatte ein störrisches Pony, auf dem wir ohne Sattel ritten – oder zu reiten versuchten. Es warf uns regelmäßig ab und suchte das Weite, um in Ruhe grasen zu können.

Als ich sieben Jahre alt war, bauten meine Eltern ihr Eigenheim in der Stadt Erkelenz – zehn Kilometer entfernt von Immerath. Der Wechsel kam mir eigentlich entgegen. Für einen Jugendlichen bot die Stadt mehr Möglichkeiten, weiterführende Schulen vor Ort, Sport- und Freizeitaktivitäten. Später, als freier Mitarbeiter für die örtliche  Zeitung, kam ich gelegentlich zurück nach Immerath und berichtete in meinen Artikeln über die SPD-Ortsversammlung oder die Feier der Schützenbrüder. Seit 1990 – meinem Weggang aus dem Rheinland – habe ich Immerath dann nicht mehr besucht. Ich wollte nicht erleben, wie die Dorfgemeinschaft, die in den sechziger Jahren rund 1500 Einwohner umfasste, ständig schrumpfte, Menschen fortzogen, Häuser vergammelten. Ich wollte das Immerath meiner Kindheit in meiner Erinnerung behalten, so wie es war – ein Stück nostalgischer Erinnerung, gefangen wie einer Spieldose, die man hin und wieder öffnet.

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