Der letzte Milchzahn

Neulich hat er sich verabschiedet: der letzte Milchzahn meiner 13-jährigen Tochter. Beherzt zog sie sich das nervige Wackelteil aus dem Zahnfleisch, um dann mit Leidensmine auf einem Küchenpapier herumzukauen, um dem Blutverlust Einhalt zu gebieten. Sie war spürbar erleichtert, das letzte dentale Relikt ihrer Kindheit zu verlieren. Nun stehe der coolen Zahnspange nichts mehr im Wege, hatte die Kieferorthopädin konstatiert.

Ich dagegen verspürte mit einem kleinen Stich von Wehmut. Der letzte Milchzahn markierte für mich den endgültigen Abschied von der Kindheit meines Kindes.  Ich musste daran denken, wie ich mich gefreut hatte, als so mit drei Monaten der erste Hauch von erstem Zahn in der Kauleiste meines Babys zu sehen gewesen war.

Victoria! Victoria!
Der kleine weiße Zahn ist da.
Du Mutter! komm, und Groß und Klein
Im Hause! kommt und guckt hinein,
Und seht den hellen weißen Schein.

Der Zahn soll Alexander heißen.
Du liebes Kind! Gott halt‘ ihn dir gesund,
Und geb‘ dir Zähne mehr in deinen kleinen Mund
Und immer was dafür zu beißen!

(Matthias Claudius, 1740-1815)

Die Milchzähne zu bekommen, war wohl nicht immer das reine Vergnügen – weder für das Kind noch für die Mutter. Oft gingen mit dem Durchbruch der kleinen Beißerchen gerötetes Zahnfleisch, vermehrter Speichelfluss, manchmal auch Fieber und ein wunder Po einher – wobei ich nie verstanden habe, wieso der ganz vordere und ganz hintere Abschnitt des Verdauungstraktes so einen innigen Causalzusammenhang besaßen. Auch für mich als  Mutter bedeuteten die ersten Zähne eine Herausforderung – das Stillen konnte schmerzhaft werden.  Auf Fotos sieht man das Kind in den ersten zwei Jahren seines Lebens nur mit offenem Mund und Sabbertuch um den Hals. Es muss zig Liter Sabber produziert und in seine Sabbertücher gesabbert haben. Nach  den Windeln hatte das Wechseln der Sabbertücher zweite Priorität.

Nach und nach kamen die kleinen Zähnchen, wurden von mir geputzt, mit Flour gestärkt und regelmäßig vom Zahnarzt begutachtet.

Ich glaube, im ersten Schuljahr fiel dann der erste Milchzahn aus. Natürlich unter großem Ah und Oh – mit entsprechender Ansprache, dass man nun auf die bleibenden Zähne besonders gut aufzupassen und diese besonders gut zu pflegen habe. Die Zahnfee gab und gibt es bei uns übrigens nicht – ebenso wenig wie den Nikolaus und den Osterhasen. Manche Eltern mögen mich schelten, aber ich halte von so einer Kindermystik nichts – spätestens seit meine Tochter sich beim Anblick eines Nikolauses, der in der Krabbelgruppe Geschenke verteilen wollte,  vor Panik schreiend in meine Arme flüchtete. Auch meine Kollegin Regina erzählt heute noch, dass ein rabiater Nikolaus, der sie als Kleinkind  in seinen Jutesack steckte, ihr eine Nahtoderfahrung und ein frühkindliches Trauma spendiert hat. Aber ich schweife ab. Nun: Auch wenn es keine Zahnfee bei uns gibt, so haben wir die zwanzig ausgefallenen Milchzähne doch sorgfältig in einem kleinen Holzdöschen in meiner Nippes-Vitrine aufbewahrt. Komisch, sie zerfallen sehr schnell. Das ist mir bei meinen eigenen Milchzähnen schon aufgefallen, die meine Eltern neulich beim Aufräumen gefunden und mir in einer kleinen Schmuckschachtel gebracht haben.

Nun ist also bei meiner Tochter eine Zahnära zu Ende gegangen – aber natürlich habe ich auch schon an vielen anderen Indizien gemerkt, dass schon längst ein neuer Lebensabschnitt begonnen hat. Spätestens als sie mir mitteilte, dass sie ihren Beziehungsstatus auf Facebook ändern müsse. Denn da gebe es doch diesen coolen Jungen, den sie im Feriencamp kennen gelernt habe…  Und was denkt man dann als Mutter so? Nun, hoffentlich verhaken sich die Zahnspangen der beiden nicht beim Küssen ineinander.*

* Meine Tochter legt Wert auf die Feststellung, dass diese Episode frei erfunden und Ausgeburt meiner peinlichen Phantasie ist. Es bestehen keinerlei Ähnlichkeiten mit lebenden oder gelebt habenden Jungs mit oder ohne Zahnspangen aus ihrem Umfeld.

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