Die rote Bank

Witterungsbeständig, leicht, unkaputtbar, pulverbeschichtet, Alurahmen, Kunststoffgeflecht, Lounge Style… ja, so müssen Gartenmöbel heute sein. Ich möchte aber mal heute von meiner roten Gartenbank erzählen. Der Rahmen ist aus geschmiedetem Metall, inzwischen feuerverzinkt und mit der bestmöglichen Farbe ferrari-rot lackiert, Sitzfläche und Lehne sind aus Holz, der Anstrich müsste mittlerweile mal wieder erneuert werden. Zusammenklappen, wie ursprünglich vorgesehen, lässt sie sich schon lange nicht mehr.  Der dazugehörige Tisch ist ebenfalls aus Metall, die Platte schon etwas windschief, aber der verspielte, verschnörkelte Fuß verrät die Zeit, in der der Tisch entstand: Jugendstil.

Meine rote Gartenbank ist über 100 Jahre alt und seit bald fünf Generationen im Besitz unserer Familie!

 

Die rote Bank

Die rote Bank

Mein Urgroßvater Ernst, ursprünglich Husar in einem hessischen Regiment in Kassel, zog Anfang des letzten Jahrhunderts mit seiner Frau Frieda in das preußisch besetzte Rheinland, um dort als berittener königlich-preußischer Gendarmeriewachtmeister in Erkelenz seinen Dienst zu tun. 1906 wurde dem Paar das erste Kind geboren – mein Großvater Alfred. 1908 erwarb mein Urgroßvater ein eigenes Haus, ein Doppelhaus, das der Unternehmer Anton Raky eigentlich für Mitarbeiter seiner Erkelenzer Bohrgesellschaft hatte bauen lassen. Um diese Zeit wahrscheinlich hat er auch die rote Bank angeschafft – wie es heißt, aus dem Fundus eines schließenden Biergartens. Nicht überliefert ist der Grund für die Schließung – aber ich könnte mir denken, dass es Biergärten schwer haben im Rheinland. Der Rheinländer bevorzugt zum Zechen höhlenartige Kneipen und hat mit Vorliebe mindestens einen Ellenbogen auf der Theke liegen. Möglicherweise war also der Biergartenbesitzer seiner Zeit einfach zu weit voraus. Jedenfalls teilte die rote Bank, samt dem zugehörigen Tisch, seither das Leben meiner Familie.

Sie hat noch Hans gekannt, das Dienstpferd meines Urgroßvaters, und sie hat sich wahrscheinlich mit dem schmucken Cabriolet Marke DKW meines Großvaters Alfred das Winterquartier geteilt. Überliefert ist, dass nach der Machtergreifung der Nazis eine „Verschwörung“ auf dieser roten Gartenbank stattfand. Abseits irgendwelcher Lauscher und Mitwisser haben mein Urgroßvater und sein Vorgesetzter auf dieser Bank einen anonymen Beschwerdebrief gegen die braune Kreisleitung verfasst.

Kurze Zeit später starb mein Urgroßvater und mein Großvater musste in den Krieg ziehen. Zurück blieb meine Großmutter Luise mit der Verantwortung für das Haus, die Kinder, die Schwiegermutter – und die rote Bank. Vor den Bombenhageln, die Erkelenz in Schutt und Asche legte, flohen Frauen und Kinder auf abenteuerliche Weise. Evakuierung, Bombentreffer im Haus, Plünderung, Zerstörung, die die Westfront und auch die erobernden Siegermächte anrichteten, all das überstand die rote Bank unbeschadet.

Sie hat den Neubeginn gesehen, erst die Zeiten von Armut und Hunger, dann den Aufschwung. Lauschige Frühlingstage unter blühenden Obstbäumen, selbstgemachte Maibowle mit Waldmeister, den köstlichen Zuckerkuchen meiner Grußmutter. Mein Vater Dieter wuchs heran und erinnert sich seinerseits an eine Begebenheit, wo die rote Bank eine Rolle spielte. Onkel Werner, ein Cousin seines Vaters,  besuchte die Familie, nahm den jugendlichen Dieter mit in den Garten und fragte: „Na, mein Junge, was denkt denn ein Jugendlicher in Deinem Alter so?“ Mein Vater fand die Frage damals genauso absurd wie heute und bemühte sich, der peinlichen Situation zu entkommen. Jahre später fand er übrigens heraus, dass sich Onkel Werner selbst leider auf ziemlich krude Denkmodelle kaprizierte. Von seiner unrühmlichen Nazivergangenheit hatte unser Zweig der Familie wirklich nichts gewusst.   Onkel Werner gilt bis heute als das schwarze Schaf der Familie.

In den fünfziger Jahren lernte mein Vater, noch als Schüler, meine Mutter kennen. Interessanterweise haben sich die beiden seither sehr oft auf der roten Bank fotografieren lassen. Es gibt Verlobungsbilder, Bilder vom jungen Ehepaar, dann mit Kind, mit Haarteil, mit Koteletten und Matte, mit rosa Nappalederanzug, mit Schlaghosen, mit Katze, mit ersten grauen Haaren und Falten… ja, und das nächste Foto von den beiden auf der roten Bank wird es spätestens 2013 geben, wenn die zwei ihren 50. Hochzeitstag feiern.

Vor einigen Jahren haben mir die beiden die rote Bank geschenkt. Mein Vater hatte sie zuvor sehr aufwändig generalüberholt, sie strahlte samt Tisch in ferrarirotem Glanz – und an der Lehne hatte mein Vater eine kleine Plakette angebracht, die er eigens hatte anfertigen lassen. Unser Familienname ist darauf zu lesen, die Jahreszahl 1906 und „Rote Bank“. Ich weiß, was mein Vater damit ausdrücken wollte, und habe mich unheimlich über dieses Geschenk gefreut. Eines Tages werde ich die Bank an meine Tochter weitergeben und hoffe, dass auch sie nicht nur Metall und Holz darin sieht, sondern einen treuen Weggefährten und Gartenmitbewohner unserer Familie.

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